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Ausgabe 1Was wäre wenn?

1920+

Europa um das Jahr 1920: Der Große Krieg ist vorüber; brachte Verwüstung und eine neue Machtstruktur. Doch die umgeworfenen Kräfteverhältnisse zwischen den einzelnen Fraktionen erzeugen neue Spannungen. Der Wettstreit um die politische und technologische Vorherrschaft entbrennt abermals und droht Europa in die nächste Katastrophe zu stürzen. Was klingt wie eine grobe Zusammenfassung der Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg, ist in Wahrheit das Szenario der alternativen Welt von 1920+.

Der polnische Künstler Jakub Różalski ist bekannt für seine mitreißenden Zeichnungen, in denen er bildgewaltige Kontraste kreiert: Urtümliche Landschaften treffen auf magisch-mystische Wesen oder Maschinen im Stil des Dieselpunk. Inspirieren ließ sich Różalski, der auch Mr. Werewolf genannt wird, unter anderem von Star Wars und den Werken Tolkiens. Diese Gegensätzlichkeit wird bei einem Blick auf seine Illustrationen augenscheinlich. Seine wohl berühmteste Schöpfung ist so fesselnd wie faszinierend und wurde in jüngster Vergangenheit gleich zwei Mal erfolgreich adaptiert. Gemeint ist die Welt von 1920+.

Scythe und Iron Harvest – für Brettspielfüchse und Echtzeitstrategen

Stonemaier Games brachte 2016 mit Scythe ein Brettspiel auf den Markt, welches auf diesem Szenario basiert. Durch taktisches Geschick müssen die Spieler mit ihrer Fraktion auf einer Landkarte (dem Spielbrett) die militärische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Vormachtstellung erringen, um den Sieg davonzutragen. Das strategische Meisterwerk gewann im Jahr der Veröffentlichung zahlreiche Auszeichnungen (u.a. Gewinner des BoardGameGeek-Preises) und ist mittlerweile um drei Erweiterungen reicher (Invasoren aus der Ferne, Kolosse der Lüfte, Aufstieg der Fenris).

Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games
Urheber: Jakub Różalski, Tim Chuon, Scythe, Stonemaier Games

Im Jahr 2020 erschien mit Iron Harvest eine Videospielumsetzung von 1920+. Entwickelt vom Bremer Studio King Art handelt es sich dabei um ein Echtzeit-Strategiespiel. Im Einzel- oder Mehrspielermodus kämpfen sich die unterschiedlichen Fraktionen über atmosphärische und grafisch ansprechende Schlachtfelder. Der Fokus des Games liegt deutlich auf Militär; für jede Nation existiert eine Vielzahl an abwechslungsreichen Einheiten, vom einfachen Fußsoldaten bis hin zu furchteinflößender Kriegsmaschinerie. Jedoch dürfen auch wirtschaftliche Weitsicht und taktisches Kalkül nicht zu kurz kommen. Beim Deutschen Entwicklerpreis im Jahr 2020 wurde der Strategiekracher als „Bestes Deutsches Spiel“ ausgezeichnet und räumte außerdem in den Kategorien „Bestes Gamedesign“ und „Bester Sound“ ab.

Die Welt von 1920+

Das von Różalski erdachte Szenario spielt, wie der Name bereits vermuten lässt, im Europa der beginnenden 20er-Jahre, allerdings nicht in der Realität, sondern auf einer alternativen Zeitschiene. Es bestehen viele Gemeinsamkeiten zwischen jenem und unserem Universum, jedoch auch eklatante wie faszinierende Unterschiede. Auch in den drei Versionen (Zeichnungen, Brettspiel, Videospiel) variieren mitunter die Hintergrundgeschichten, Fraktionen und Charaktere. Deshalb soll im folgenden lediglich der gemeinsame Kern beleuchtet werden.

Als realhistorischer Dreh- und Angelpunkt dient der Polnisch-Sowjetische Krieg zwischen 1919 und 1921 sowie die Auswirkungen des 1918 beendeten Ersten Weltkrieges. Różalski entwirft in seinem Projekt eine fiktionale Interpretation dieser Konflikte und ihrer geschichtlichen Umstände. In seiner Version liefern sich die verfeindeten Nationen erbitterte Schlachten um die Vormachtstellung in Europa. Ruhmreiche Anführer und martialische Kampfroboter, Mechs genannt, stehen dabei im Mittelpunkt.

Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Die Existenz dieser gigantischen Maschinen macht den prägnantesten Unterschied zwischen dieser und unserer Welt deutlich: Im Szenario von 1920+ ist die Technologie wesentlich fortgeschrittener als es zur selben Zeit in der Realität der Fall war. Nikola Tesla, in beiden Universen ein berühmt-berüchtigter Wissenschaftler, begann in Różalskis Version der Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts damit, große mobile Roboter zu entwickeln. Eigens dafür ließ er eine Fabrik in Südosteuropa bauen, die sich im Laufe der Zeit zu einem unabhängigen Stadtstaat entwickelte. Die dort konstruierten Maschinen waren zunächst für Bereiche wie Industrie, Landwirtschaft und Transportwesen vorgesehen und wurden, je nach Einsatzgebiet, in unterschiedlichen Größen gebaut. Selbstverständlich galten diese mitunter gigantischen Mechs als bahnbrechende Innovation und es dauerte nicht lange, bis die ersten dieser durch Menschenhand gesteuerten Roboter zu Kriegswaffen umgerüstet wurden.

Im Großen Krieg, der ungefähr zur selben Zeit wie der reale Erste Weltkrieg stattfand, wurden erstmals jene Kampfmechs eingesetzt. Aufgrund ihrer immensen Feuerkraft und zerstörerischen Explosivität übertraf der Konflikt alle bisherigen Kriege. In zahlreichen verheerenden Schlachten wurden unzählige Armeen vernichtet, Städte dem Erdboden gleich gemacht und ganze Landstriche entvölkert. Die Mechs, einige von ihnen so groß wie ein mehrstöckiges Haus, hoben die Kriegsbrutalität auf ein neues, entsetzlicheres Level.

Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Nun ist der Große Krieg in der Welt von 1920+ zwar vorüber, doch die europäischen Staaten beginnen den Wettstreit erneut. Sie liefern sich einen erbitterten Kampf; sowohl um die Vormachtstellung auf dem Kontinent, als auch – nach den Erfindungen Teslas – um die Kontrolle über die Fabrik. Doch die Fraktionen unterscheiden sich von den uns bekannten Nationen der 20er-Jahre, wenn mitunter auch nur marginal.

Das Ringen um Macht

Zentraleuropa wird vom Saxonischen Kaiserreich beherrscht, der ersten im Großen Krieg involvierten Supermacht. Amtierender Monarch des expansionistischen Imperiums ist Kaiser Friedrich, Kronprinz ist Wilhelm. Angelehnt ist dieser Staat zweifelsohne an das Deutsche Reich vor dem Ersten Weltkrieg, als das Land noch von den zu Kaisern gekrönten preußischen Königen regiert wurde.

Der Osten Europas steht unter der Kontrolle der zweiten Großmacht. Das Rusvietische Zarentum (dem 1920+-Pendant des Russischen Kaiserreiches) wird von Zar Nikolaj angeführt. Eine ebenso prominente Rolle wie in der Realität spielt der mysteriöse und machtvolle Berater des Zaren, Grigori Rasputin. Er ist auch Anführer der geheimnisvollen Untergrundorganisation Fenris, die für den Großen Krieg und die heraufziehende Rusvietische Revolution mitverantwortlich zu sein scheint.

Zwischen diesen beiden aggressiven Großmächten befindet sich die Republik Polania, Haupthandlungsort der Werke und Geschichten Różalskis. Das rural geprägte Land ist seit dem Ende des Großen Krieges teilweise von den Rusviets besetzt und nun darum bemüht, ihr Territorium gegen die übermächtigen Nachbarn zu verteidigen.

Es existieren außerdem weitere Nationen, die allerdings (noch) eine untergeordnete Rolle spielen. Die Nordischen Königreiche sind ein Verband aus verschiedenen skandinavischen Ländern. Sie gelten als furchtlose, zähe Krieger und exzellente Seefahrer, ganz in der Tradition ihrer Vorfahren, der Wikinger. Anders als in unserer Welt wurde Nordeuropa nie christianisiert und demzufolge folgen die Menschen dort noch dem germanischen Götterglaube. In den europäischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres und des Kaukasus befindet sich das Krim-Khanat. Als Erben der eurasischen Nomadenvölker sind sie als hervorragende Reiter und Bogenschützen bekannt, können jedoch bezüglich des technologischen Fortschritts nicht mit den konkurrierenden Nationen Schritt halten. Außerdem gibt es noch den schottisch-keltisch geprägten Albion-Clan auf den Britischen Inseln und das ehrenhafte und disziplinierte Togawa-Shogunat aus dem fernen Japan.

Ausgewählte Staaten und ihre Lage in der Welt von 1920+: Saxonisches Kaiserreich (schwarz), Republik Polania (weiß), Rusvietisches Zarentum (rot), Nordische Königreiche (blau) und Krim-Khanat (gelb). Die Fabrik befindet sich in der Bildmitte.
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Eine Welt mit inhaltlicher Tiefe

Sowohl in den Illustrationen von Jakub Różalski als auch in den Spielen Scythe und Iron Harvest liegt der Fokus auf fraktionsspezifischen Helden. Jede Nation wird von einer charakteristischen Person repräsentiert, welche stets von einem symbolträchtigen Tier begleitet wird.

Im Mittelpunkt steht die polanische Heldin Anna Kos, stets unterstützt von ihrem treuen Braunbären Wojtek. Der saxonische General Gunter von Duisburg besitzt hervorragende militärstrategische Fähigkeiten. Seine beiden Wölfe Tag und Nacht weichen ihm nicht von der Seite.

Anna & Wojtek
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games
Gunter, Tag & Nacht
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Für die Rusviets zieht die zur Spezialagentin ausgebildete Olga Morozova gemeinsam mit dem Sibirischen Tiger Chaiga in die Schlacht. Wie bereits erwähnt leitet der furchteinflößende Grigori Rasputin die verschwörerische Organisation Fenris. Die mysteriöse Aura des Mannes wird durch seine Eule Likho verstärkt.

Olga & Chaiga
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games
Rasputin & Likho
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Der Vertreter der Nordischen Königreiche, Björn, ist in seiner Erscheinung ein echter Bilderbuchwikinger. Er reitet auf einem bulligen Moschusochsen namens Mox. Zehra, die Prinzessin des Krim-Khanats, ist eine ausgezeichnete berittene Bogenschützin und wird auf Schritt und Tritt von ihrem Steppenadler Kar bewacht.

Björn & Mox
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games
Zehra & Kar
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Aus den schottischen Highlands stammt Connor, ein Mitglied des Albion-Clans. Er wird begleitet von seinem Kumpel Max, einem Wildschwein. Aus dem fernen wie geheimnisvollen Shogunat, dem Land der aufgehenden Sonne, kommt die tapfere Kriegerin Akiko. Sie wird unterstützt von ihrem kampferprobten Affen Jiro.

Connor & Max
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games
Akiko & Jiro
Urheber: Jakub Różalski, Scythe, Stonemaier Games

Nicht zuletzt sind es diese Charaktere, die der Welt und den Werken Różalskis Leben einhauchen und Möglichkeiten zur Identifikation bieten. Ob nun durch die mitreißenden Illustrationen ihres Schöpfers, die strategische Spannung von Scythe oder die actiongeladenen Gefechte von Iron Harvest – die Welt von 1920+ ist in vielerlei Hinsicht fesselnd. Betrachtet man sie aus dem Blickwinkel der alternativen Geschichte, wird schnell klar, dass es sich um mehr als eine Alternativwelthistorie handelt. Diese (durch die Vermischung mit fantastischen Elementen sehr weit hergeholte) Variante unserer Geschichte überzeugt durch brisante Unterschiede zur Realität und faszinierender sowie martialischer Technologie in Dieselpunkoptik. Der retro-futuristische Charakter kann einen schnell in seinen Bann ziehen.

Wer sich mit der Welt von 1920+ befasst, kann sich ruhig die Frage stellen, welche Ereignisse zu dieser Version unseres Europas geführt haben könnten. Dies scheint jedoch weder Absicht noch Anspruch von 1920+ zu sein. Vielmehr geht es Jakub Różalski darum, die polnische Kultur und Geschichte dieser Epoche auf künstlerische Art aufzuarbeiten und der Welt in packenden Zeichnungen sowie Erzählungen näherzubringen. Auf diesem Fundament erschuf er dieses Szenario und verbindet darin die urtümliche Natur seiner Heimat und die rustikale Atmosphäre der 20er-Jahre mit seiner Begeisterung für Sci-Fi-Kampfroboter á la Star Wars und fantastisch-mystischen Geschichten.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Stonemaier Games (2016): Scythe.King Art (2020): Iron Harvest.Art StationJakub RozalskiViceStonemaier Games Homepage

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