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Ausgabe 2Lagerfeuergeschichten

ASSHAI

Ein Schatten am Ende der Welt

Unter vorgehaltener Hand und verstohlenen Blicken wispern die Leute Geschichten über Asshai. Die Schattenstadt jenseits des Jademeeres ist für die meisten nur ein düsterer Mythos, ein Rauschen im Wind der Welt. Mehr als Gerüchte kann niemand erzählen. Oder möchte niemand? Um diesen Hort der Finsternis ranken sich unzählige Legenden und einige scheinen wohl zu befürchten, sie würden von den hexenden Blutmagiern und dämonischen Geisterbeschwörern Asshais heimgesucht, wenn sie zu viel über jenen Ort im fernen Osten von Essos preisgeben.

Nur wenige Menschen aus Westeros können mehr als die üblichen Schauergeschichten über Asshai wiedergeben, denn nicht viele begeben sich auf den gefährlichen Weg dorthin. Einige Händler besuchen die Stadt, so manches Schiff geht im Hafen vor Anker, vielleicht sucht der ein oder andere Wagemutige auch nur ein Abenteuer. Selbst für die meisten Völker von Essos ist Asshai nichts weiter als ein Schatten am Ende der Welt. Wer sich dorthin begibt, zieht sprichwörtlich (und auch buschstäblich) unter dem Schatten hindurch. Mit dem Schiff monatelang von der Zivilisation entfernt, auf dem Landweg nur über dunkle Gebirgspässe in den Schattenlanden erreichbar. Asshai ist wahrlich kein Ort, den man freiwillig aufzusuchen vermag.

Doch diejenigen, welche die verwunschene Stadt gesehen haben, berichten alle ähnliches. Eine düstere Aura ummantelt Asshai wie ein Umhang des Todes. Aufgrund der mächtigen Berge im Hinterland, oder aber vielleicht aufgrund widernatürlicher Geheimnisse, liegt der Ort in ständigem zwielichtigem Schatten verborgen. Die Häuser der Stadt sind aus schwarzem Stein, der das Licht um sich wie ein hungriger Löwe verschlingt. Zahlreiche Hallen, dunkle Tempel und starke Mauern türmen sich auf, doch leben nicht viele Menschen und angeblich kein einziges Kind in der Stadt. In der Nacht soll nur in einem von zehn Häusern eine Fackel brennen.

Künstlerische Darstellung von Asshai, einer Stadt aus dem Werk Game of Thrones/Das Lied von Eis und Feuer (George R. R. Martin).
Urheber der Illustration: Jovan Delic (JovanDarkArt)

Den Asshai’i, wie die Bewohner genannt werden, eilt ihr düsterer Ruf wie ein unheilvoller Sturm voraus und sie werden von Fremden gemieden. Meist verschleiern sie ihr Gesicht und reisen allein, wenn sie ihre Heimat verlassen. Nahrung und Trinkwasser erhalten die Asshai’i ausschließlich über den Seeweg, denn im diffusen Schatten der Stadt gedeiht keine Frucht und Tiere verenden schnell. Die in Westeros gefürchteten Drachen jedoch, die mit ihrer todbringenden Feuersbrunst ganze Städte vernichten können, stammen der Legende nach aus den umliegenden Schattenlanden.

Das geheimnsivolle Asshai ist reich an arkanem Wissen. Der Herr des Lichts, R’hllor, wird von den Bewohnern auf fanatische Art angebetet. Aus der Stadt stammen viele seiner Diener, die Roten Priester, so auch die berüchtigte Melisandre. Doch gehen die Asshai’i auch anderen unheimlichen Traditionen und okkulten Künsten nach. In der willkommenen Finsternis der Nacht, aber auch tagsüber auf offener Straße und nicht im Verborgenen, praktizieren Magier und Zauberer düstere Rituale. In den Gassen der Stadt hallen die unheilvollen Verse und finsteren Gesänge von Hexenmeistern, Geisterbeschwörern, Mondsängern und Blutmagiern wider.

Doch die Leute flüstern noch verstörendere Dinge über das Schattenland. Asshai ist nicht der einzige sinistre Ort am Rand von Essos. Jenseits der Stadtmauern, in den dunklen Bergen, soll eine uralte Bosheit lauern. Mit kalten leblosen Fingern greift sie nach der Stadt und lässt selbst Magiern und Zauberern das Blut in den Adern gefrieren. Der Fluss Asch, der von den Hängen der Schattenberge herabfließt, schimmert am Tag in tödlichem Schwarz und des Nachts in giftigem Grün. Und er erinnert die Asshai’i an das Grauen in den Bergen.

Dort liegt, im Tal der Schatten, die Ruinenstadt Stygai. Kaum ein Mensch hat sie je gesehen, denn es begeben sich nur wenige Schattenbinder aus Asshai flussaufwärts zu jenem Ort im Herzen der Finsternis. Selbst die furchtlosesten und erfahrensten Magier, vertraut mit den dunkelsten Künsten, wagen es nicht, die Tore der verfluchten Ruine zu passieren. Die Stadt der Nacht, wie sie in Geschichten genannt wird, soll ein Hort finsterer Gestalten und dämonischer Ausgeburten sein. Eine Leichenstadt, dazu verdammt, dass sie kein lebender Mensch je betritt.

Die Erzählungen über Asshai und die Schattenlande sind Mythen und Legenden; Lagerfeuergeschichten für eine mondlose Nacht in einem schaurigen Wald. Das munkeln die Leute, doch die Unruhe in ihren Augen lässt die Furcht in ihrem Inneren erkennen. Wie viel Wahrheit auch dahinter stecken mag, Asshai bleibt ein unheilvoller Ort am Ende der Welt, voller dunkler Geheimnisse und finsterer Magie.

Diese Geschichte wurde von Klangzeitfolgen eingesprochen und vertont. Hier geht es zum Video.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Martin, George R. R. (seit 1996): Das Lied von Eis und FeuerMartin, George R. R.; Garcia, Elio; Antonsson, Linda (2015): Die Welt von Eis und FeuerBenioff, David; Weiss D. B. (2011-2019): Game of ThronesDeviant Art - JovanDarkArt

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