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Ausgabe 6Lagerfeuergeschichten

AUS KOSMISCHEN TIEFEN

Was passiert, wenn einem am Lagerfeuer die Lagerfeuergeschichten ausgehen? Richtig: der Blick wandert aufwärts, zu den unerklärlichen Weiten des Himmels. Man sucht Sternbilder und Konstellationen, fragt sich, ob da draußen noch irgendjemand ist, und verfällt schließlich in Schweigen ob der eigenen Winzigkeit. Die Hauptattraktion der heutigen Geschichte unterstreicht diese Bedeutungslosigkeit. Sie stammt aus jenen kosmischen Sphären. Und dank einer bestimmten Sternenkonstellation hätte sie vor hundert Jahren fast jedwedes Leben ausradiert.

Es war Ende März des Jahres 1925, als die Beinahe-Katastrophe geschah. Im Südpazifik, am Pol der Unzugänglichkeit – dem Ort auf Erden, der am weitesten von allen Küsten entfernt liegt. Trotz dieser Ferne schickte das, was sich dort aus den schweigenden Tiefen erhob, seismographische Wellen durch Raum und Zeit. Erste Ausschläge finden sich bereits im 8. Jahrhundert, als ein arabischer Mystiker niederschreibt, was prophetisch scheinen mag, aber eher eine Feststellung ist: „Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ Tausend Jahre später, 1860, stößt ein Anthropologe in Grönland auf einen grausigen Dämonenkult, dessen unaussprechliche Riten und Blutopfer um ein abscheuliches Götzenbild kreisen. Diese Ungeheuerlichkeit taucht 1907 (die Einschläge rücken näher) südlich von New Orleans abermals auf. Einer Serie von Kindesentführungen nachspürend, dringt die hiesige Polizei in die Sumpflande Louisianas vor, wo sie auf eine Voodoo-Sekte stoßen: dieselben Rituale, dieselben Opfer, dasselbe Götzenbild. Im März 1925 schließlich hat ein Künstler in Neuengland einen Albtraum, infolgedessen er ein Basrelief anfertigt, welches den Götzen aus Grönland und Louisiana erschreckend ähnlich sieht. Kurz darauf verfällt er ins Delirium, während empfindsame Kreativgeister rund um den Globus von schrecklichen Visionen heimgesucht werden: sie sehen eine schleimbedeckte Stadt aus zyklopischen Monolithen, die jeglichen Gesetzen von Geometrie und Physik spotten… Und sie sehen das Götzenwesen. Zeitgleich kommt es allerorten zu Aufständen und Massenhysterien.

Anfang April 1925 ist der Spuk plötzlich vorbei.

Licht ins Dunkel bringt erst viel später der Bericht eines norwegischen Matrosen, welcher in jenen verhängnisvollen Tagen im Südpazifik mit eigenen Augen schaute, welch widernatürliche Stadt dort dem Meer entstieg; schaute, was ewig liegt und eben doch nicht tot ist; schaute, was seine Mannschaftskameraden beim Erkunden der Stadt unverhofft aus dem Schlummer weckten.

Cthulhu. Riesenhaft und aufgeschwemmt, doch irgendwie entfernt humanoid. Mit Drachenschwingen am Rücken, dem Kopf eines Tintenfischs und einer Wirrnis von tumultuösen Tentakeln im Gesicht. Das Antlitz der Götzen; Quell von Visionen und Hysterien.

Kaum jemand aus der Schiffscrew überlebt diese Begegnung; nur der Maat kann dem Monstrum entkommen, wird jedoch bald darauf ermordet. Anfang April versinkt die absonderliche Stadt bei einem Sturm wieder in den Fluten – ohne dass es die Kultisten geschafft hätten, ihren tentakelbewehrten Meister rechtzeitig zu erreichen. Seither schlummert Cthulhu wieder in den Tiefen der schweigenden See.

Cthulhu an the ninth wave (Urheber: Oliver Wetter / Ars Fantasio)

Berichtet wird uns all das in Der Ruf des Cthulhu. H. P. Lovecraft erschafft hier sein wohl berühmtestes Monster. Durchaus bemerkenswert, da dies die einzige Geschichte ist, in welcher Cthulhu selbst auftritt. Er gibt noch ein paar weitere Erwähnungen in Lovecrafts umfangreichen Kanon, aber selbst die lassen sich an einer Hand abzählen. Cthulhu gehört zu den Großen Alten: kosmischen Götterwesen, deren grauenhafte Gestalt zwar schon genug Grund zum Fürchten ist, aber der wahre Horror liegt eher in ihrer vollkommenen Indifferenz gegenüber dem menschlichen Treiben und Streben. Sie manifestieren unsere Unwichtigkeit.

Cthulhu ist inzwischen fester Bestandteil der Popkultur geworden. Von Videospielen über Metal-Songs bis hin zu zahllosen Anspielungen in Filmen, wie Aquaman, oder fantastischen Buchreihen, wie A Song of Ice and Fire. Dort lautet die Grußformel der Ironborn: „Was tot ist, kann niemals sterben. Doch erhebt es sich von Neuem, stärker und härter.“ Zudem wird gemunkelt, dass einer der ihren, Euron Greyjoy, im nächsten Band selbst die Apokalypse auslösen wird – indem er Kraken aus dem Meer beschwört.

Das kann in unserer Welt zum Glück nicht passieren. 1925 war es eine bestimmte Sternenkonstellation, die Cthulhus Auftauchen ermöglichte. Natürlich weiß niemand genau, welche. Irgendwann wird sie schon einmal wiederkehren. Die Konstellation, natürlich, nur die Konstellation…

Christian hat eine besondere Zuneigung zum geschrieben Wort und ersinnt dabei immer wieder neue Möglichkeiten, das Ende seines Studiums hinauszuzögern. Er zerreißt gern Filme und Serien in der Luft. Sein Zweitwohnsitz liegt in Westeros.

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