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Ausgabe 2Was wäre wenn?

DAS MARVEL-DEADPOOL-PARADOXON

Was wäre, wenn Deadpool und die X-Men im selben Universum wie die Avengers existieren würden? Cool wäre das, denn schließlich ist Deadpool urkomisch, die originale Mutantentrilogie Kult und die Marvel-Filme moderne Klassiker. Und angeblich wird dieses Szenario bald Realität. Doch bei genauerer Betrachtung entsteht durch die magische Verschmelzung ein Paradoxon, welches zu einem fatalen Riss in diesem Universum führen könnte.

Die Filme des Marvel Cinematic Universe (MCU) sind für vieles bekannt: klingelnde Kassen, atemberaubende Action, charismatische Charaktere. Doch was ebenso noch nie zu kurz kam, war schräger Humor. In den letzten Jahren rückte ulkige Komik scheinbar auch immer weiter in den Vordergrund; man vergleiche nur mal Thor: Tag der Entscheidung mit seinen beiden Vorgängern, die doch irgendwie heroischer und weniger überdreht rüberkamen. Und auch bei Guardians of the Galaxy Vol. 2 fragten sich bestimmt manche Kinogänger, ob sie hier nicht eher die Parodie eines Marvel-Streifens sehen. Schräg und komisch sind fast schon Untertreibungen für die phasenweise absurde Witzigkeit einiger Filme und Szenen des Franchises.

Das Problem mit Iron Man und Legolas

Dieser Humor fußt auf vielen Aspekten, einer sticht jedoch besonders aus der Masse hervor: Anspielungen auf andere Werke der Popkultur. Diese kleinen Witzeleien sind an sich nichts weiter als Easter Eggs, die den Zuschauern ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern sollen. Doch aus dieser vermeintlichen Kleinigkeit kann sich schnell ein Sog gigantischen Ausmaßes bilden.

Eine der ersten prominenten Popkultur-Referenzen innerhalb des MCU stammt von Iron Man. Der wortgewandte Tony Stark betitelt seinen Mitstreiter Hawkeye inmitten der Schlacht um New York im ersten Avengers-Teil von 2012 als Legolas. Der Grund für die Anspielung liegt auf der Hand: beide Figuren sind exzellente Bogenschützen. Soweit so gut. Durch die bloße Nennung des Namens bestätigt Iron Man jedoch, dass das Werk Der Herr der Ringe im Universum von Marvel ebenso existiert wie in unserer Welt. Und damit beginnt der Abstieg in den Kaninchenbau.

Denn somit ist nicht nur die Figur des pfeileschießenden Elben bekannt, sondern auch all die anderen Bewohner Mittelerdes. Und der Annahme folgend, dass der Fantasy-Epos von Tolkien in der MCU-Welt ebenso als Buch und Film existiert, verkörpert Orlando Bloom selbstverständlich Legolas. Und Liv Tyler spielt Arwen. Und Hugo Weaving spielt Elrond. Und… Moment.

Liv Tyler spielt auch Betty Ross, die ehemalige Freundin des Hulk. Und Hugo Weaving spielt Red Skull, den Widersacher von Captain America. Dann wären da noch Cate Blanchett (Hela/Galadriel), Andy Serkis (Ulysses Klaue/Gollum), Evangeline Lilly (Hope Van Dyne/Tauriel), Martin Freeman (Everett Ross/Bilbo), Karl Urban (Skurge/Éomer), Lee Pace (Ronan/Thranduil), Richard Armitage (Heinz Kruger/Thorin), David Wenham (Harold Meachum/Faramir) und natürlich Benedict Cumberbatch alias Dr. Strange alias Smaug, die allesamt Rollen sowohl im MCU als auch bei Der Herr der Ringe oder Der Hobbit innehaben. Den Marvel-Helden hätte doch die Ähnlichkeit ihrer Weggefährten mit den Mittelerde-Charakteren auffallen müssen.

Verwirrend wie eine Achterbahnfahrt in Disneyland

Gut, dann wurden Tolkiens Romane im Universum von Iron Man vielleicht nie verfilmt. Dies würde die Verwirrung komplett auflösen, doch die unzählige Masse an weiteren Anspielungen erstickt auch diese Herangehensweise im Keim. Spider-Man bekennt sich als Fan von Star Wars und auch Captain America behauptet in The Winter Soldier, er habe die Science-Fiction-Reihe bereits gesehen. Komisch nur, dass beiden nicht aufgefallen ist, dass der Avengers-Initiator und S.H.I.E.L.D.-Direktor Nick Fury haargenau so aussieht wie Jedi-Meister Mace Windu (beide gespielt von Samuel L. Jackson). Und Fury macht im neusten Spidey-Film sogar höchstpersönlich eine Anspielung auf Star Wars; leicht schizophren, wenn ihr uns fragt. Das Rädchen dreht sich munter weiter, zum Beispiel mit Natalie Portman (Jane Foster/Padmé Amidala), Paul Bettany (Vision/Dryden Vos), Mads Mikkelsen (Kaecillius/Galen Erso) oder Lupita Nyong’o (Nakia/Maz Kanata). Und es gibt noch weitere Darsteller, die sowohl im MCU als auch bei Star Wars mitgewirkt haben.

Dieser Logikstrudel verschlingt noch deutlich mehr Filme und Serien als die eben erwähnten. Iron Man (wieder einmal) betitelt Thor in Avengers: Endgame Lebowski. Der Protagonist im Film The Big Lebowski wird von Jeff Bridges gespielt, der wiederum den Gegenspieler im ersten Solofilm von Iron Man verkörpert. Der bereits angesprochene Agent Nick Fury referiert in Captain Marvel die Figur des Hannibal Lecter. Anthony Hopkins erweckte jedoch nicht nur den furchteinflößenden Psychopathen auf der Leinwand zum Leben, sondern auch Thors Vater Odin im MCU. Auch Mads Mikkelsen (eben schon als Star-Wars-Marvel-Doppelspieler enttarnt) schlüpfte bereits in die Rolle des Hannibal.

Die Krönung ist aber wohl die Erwähnung von Disneyland durch Shuri in Black Panther. Nicht nur wirkten unzählige Marvel-Darsteller bereits in diversen Disney-Verfilmungen mit; viel mehr ist das MCU nach einer Kooperation aus dem Jahr 2015 selbst Bestandteil des Maus-Konzerns und durch zahlreiche Attraktionen im angesprochenen Freizeitpark vertreten. Bitte einsteigen in die Achterbahn der Verwirrung!

Deadpool, die X-Men und Marvel

Es existiert also durch die Häufung von Popkultur-Referenzen ein ziemlich großes Logikloch innerhalb des MCU, welches sich jedoch kaum auf die innere Schlüssigkeit der einzelnen Filme auswirkt. Dies könnte sich allerdings schlagartig ändern, sollte es dazu kommen, dass nicht nur die X-Men, sondern vor allem die Figur des Deadpool (gespielt von Ryan Reynolds) Einzug in das Universum hält.

Jenes Gerücht brodelt übrigens schon ziemlich lange und konkretisiert sich in letzter Zeit immer mehr. Die Anzeichen verdichten sich, dass es im nächsten Spider-Man zur Verschmelzung verschiedener Universen kommt, denn es soll nicht nur Tom Holland (die aktuelle Marvel-Spinne) als flinker Fassadenkletterer mitwirken, sondern auch dessen Vorgänger Tobey Maguire und Andrew Garfield, deren Verfilmungen bislang gar nichts mit dem MCU zu tun hatten. Auch der Titel des kommenden Streifens von Dr. Strange deutet diesen Ansatz an: The Multiverse of Madness (dt.: Das Multiversum des Wahnsinns). Natürlich ist Dr. Strange, quasi der Gandalf des MCU aufgrund seiner magisch anmutenden Fähigkeiten, für die zauberhafte Vereinigung mehrerer Universen prädestiniert.

Dennoch bleibt es Deadpool (mit „bürgerlichem“ Name Wade Wilson), durch den das Kartenhaus in sich zusammenfallen könnte. Der Antiheld im roten Kampfanzug ist bekannt für seine zynische Art, einen messerscharfen Humor und eben auch für eine inflationäre Verwendung von sarkastischen Popkultur-Anspielungen. Vor allem in seinem zweiten Film haut er seine Superhelden-Kollegen aus den Marvel-Filmen mächtig in die Pfanne.

Als Deadpool beispielsweise im Verlauf der Handlung kurzzeitig seine übermenschlichen Fähigkeiten verliert, fühlt er sich laut eigener Aussage so wertlos wie Hawkeye, der im Gegensatz zu den meisten Avengers über keine übernatürlichen Kräfte verfügt. Bezug nehmend auf den Metallarm des Antagonisten Cable referiert er die Figur des Winter Soldiers Bucky Barnes – seines Zeichens Kumpel von Captain America – aufgrund der augenscheinlichen Gemeinsamkeit. Und ebenjenen Cable nennt er in einer Szene gar Thanos, da der ultimative Superschurke des MCU vom selben Darsteller gespielt wird: Josh Brolin.

Deadpool und die vierte Wand

Noch viel entscheidender ist allerdings die Tatsache, dass Deadpool regelmäßig mit dem Publikum kommuniziert. Er spricht die Zuschauer direkt an und teilt ihnen seine Gedanken mit. Somit verschwindet die Barriere zwischen Realität und Fiktion, die einen Spielfilm quasi erst zu einem Spielfilm macht. Dieser Prozess wird auch als das Durchbrechen der vierten Wand bezeichnet.

Deadpool fällt in den bisher erschienenen zwei Filmen mit ihm als Titelfigur regelmäßig aus seiner Rolle, indem er mit den Zuschauern interagiert. In diesen Sequenzen wird deutlich, dass sich Wade Wilson der Tatsache bewusst ist, lediglich eine Comicfigur in einem Film zu sein. Er plaudert zum Beispiel über die Einnahmen seines eigenen Blockbusters und lästert unentwegt über die X-Men, obwohl er ja offiziell Teil dieses Franchises ist. Im ersten Teil entgegnet er auf die Aussage von Colossus, ihn zu Professor X zu bringen, mit: „McAvoy oder Stewart? Diese Chronologie ist so verwirrend.“

Damit spielt Deadpool auf die unterschiedlichen Zeitschienen innerhalb des X-Men-Universums an, in denen sowohl James McAvoy (in jung) und Patrick Stewart (in alt) den Anführer der hochbegabten Helden mimen. Weiterhin stellt er fest, dass der Cerebro-Helm, den Professor X immer nutzte, um gezielt Mutanten ausfindig zu machen, stark nach Patrick Stewart riecht.

Deadpool bemängelt außerdem, dass in seinen Filmen immer nur die selben, weniger bekannten Mutanten auftreten und fragt dabei die Zuschauer, ob sich das Filmstudio keine anderen X-Men leisten konnte. Als er diese Kritik in Xaviers Institut äußert, ist im Hintergrund ein Raum mit zahlreichen bekannteren X-Men zu sehen, unter anderem Professor X, Beast und Quicksilver. Das Zimmer wird daraufhin zügig verschlossen.

Der Höhepunkt ist jedoch, als Deadpool in einer Post-Credit-Szene sein Alter Ego eigenhändig erschießt. Ryan Reynolds verkörperte den miesepetrigen Mutanten bereits im ersten Solofilm von Wolverine, allerdings wurde dieser Streifen derart zerrissen, dass er mittlerweile nicht mehr wirklich als kanonisch angesehen wird. Und der Deadpool aus eben diesem Flop wird vom neuen Deadpool eiskalt aus dem Weg geräumt. Dies ist natürlich auf vielen Ebenen verwirrend, jedoch muss sich das X-Men-Universum bereits seit längerer Zeit den Vorwurf fehlender Stringenz gefallen lassen.

Alles nur Schein

Durch die Aufnahme Deadpools in das MCU würde jedoch diese logische Inkonsequenz in das weltweit erfolgreichste Franchise übertragen werden. Marvel verfolgt auch ohne die Inklusion von Wade Wilson einen Multiversumsansatz, wie man an den Plänen für Spider-Man und Dr. Strange sehen kann. Verwirrend wird es demnach ohnehin.

Durch die Tatsache, dass sich Deadpool seines Comic-Daseins bewusst ist, besteht jedoch das Risiko, dass er nahezu sämtliche Filmuniversen pulverisiert, in denen er mitwirkt. Denn wenn der Witze reißende Wilson nur eine gespielte Figur ist, dann könnte dies im Umkehrschluss auch auf alle anderen involvierten Charaktere zutreffen. Iron Man, Captain America, Thanos – allesamt nur leere Silhouetten, die nicht innerhalb ihres Universums als reale Personen existieren, sondern lediglich porträtiert werden. Selbstverständlich wissen wir alle, dass dies nur Fiktion ist und das Durchbrechen der vierten Wand ein stilistisches Mittel. Dennoch, dies könnte dem MCU nicht nur seine enorme inhaltliche Tiefe rauben, sondern einen gehörigen Teil des eskapistischen Momentums zerstören, welches die Filmreihe ausmacht. Das Paradoxon der absoluten Konfusion stellt für das MCU durchaus eine Gefahr dar und könnte eventuell zu einem sämtliche Logik verschlingenden Bermuda-Dreieck mutieren.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Filme des Marvel Cinematic Universe und des X-Men/Deadpool-FranchisesTV TropesMashableDen of Geek

2 Kommentare

  1. Die genannten Beispiele sind alle richtig und die Verweise auf andere Werke der Popkultur kommen tatsächlich in den Filmen vor.

    In meinen Augen ist es aber gerade das, was das Marvel-Universum einzigartig macht. Die Autoren schafften und schaffen es über Jahrzehnte hinweg eine Kontinuität zu erschaffen, die selbst Referenzen in die Popkultur standhält. Das wünscht man sich doch gerade.

    Ich habe auch keinen Zweifel daran, dass die Autoren eine sinn- und humorvolle Eingliederung der X-Men (inklusive Deadpool) in das MCU schaffen.

    Die Grundpfeiler sind in den Comics zu finden und wurden sukzessive in den MCU-Filmen und Serien gestreut.

    Ich jedenfalls freue mich auf weitere Anspielungen und die Entwicklung des MCU.

    1. Danke für dein Feedback. Es stimmt, dass die Popkultur-Anspielungen zu einem wichtigen Bestandteil von Marvel geworden sind. Wir sind ebenfalls sehr gespannt, wie die Integration von Deadpool und ggf. den X-Men gelingt. Gut möglich, dass die Autoren einen logischen und nachvollziehbaren Weg finden. Und auf jeden Fall freuen wir uns, wie du, auf viele weitere Marvel-Filme 🙂

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