fbpx
Ausgabe 7Fantastische Fabelwesen

DER GREIF

Halb Drache, halb Dinosaurier?

Greifen sind Drachen nicht unähnlich. Beide sind Stammgäste in mythischen Sagen und klassischen Fantasygeschichten, beide stellen Mischwesen dar, welche Merkmale diverser Tiere aufweisen und beiden werden in verschiedenen kulturellen Kontexten eindeutige Charaktereigenschaften zugeschrieben. Und außerdem basieren beide womöglich zu einem gewissen Teil auf Dinosauriern.

Greifen wirken oft sehr majestätisch: wenn sie in einem Fantasyfilm durch den Himmel gleiten oder als pompöse Statue über allem thronen. Als wohl berühmtester Hybrid der Fabelwelt vereinen die Mischwesen zwei der imposantesten Tiere unseres Planeten. Der klassische Greif besitzt den Rumpf und meist auch die Hinterpfoten eines Löwen, während der Kopf und die vorderen Krallen denen eines Adlers nachempfunden sind. Der König der Tiere trifft auf den König der Lüfte.

Erst Zwillinge, dann Widersacher

In seiner Erscheinung als Kreuzung zwischen Raubkatze und Vogel erinnert der Greif stark an die frühesten Darstellungen von Drachen im alten Orient. Bei diesen Wesen setzte sich bekanntermaßen das Schlangenelement als bestimmendes Merkmal durch, während der Greif seiner ursprünglichen Charakteristik treu blieb.

Interessanterweise stammen die ältesten Überlieferungen der geflügelten Löwen ebenfalls von den antiken Kulturen des Nahen Ostens. Ob in Ägypten, Babylonien oder Persien – der Greif war in nahezu allen altorientalischen Zivilisationen populär. Die ersten Beschreibungen dieses Fabelwesens lassen sich auf das Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. datieren, der selben Zeit, in der auch Drachenlegenden in der Region zu entstehen begannen.

In der Griechischen Mythologie etablierte sich der Greif langsam als tendenziell positiv konnotiertes Wesen, womit er allmählich eine entgegengesetzte Entwicklung zum immer monströser werdenden Drache einschlug. Greifen galten bei den Hellenen als scharfsinnig, klug und hellseherisch und wurden als Begleiter des Lichtgottes Apollon angesehen. Darüber hinaus erlangte das Mischwesen den Ruf eines grimmigen Schatzhüters. Weit weg von Griechenland, jenseits des fernen Skythiens, sollen die Greifen mit eitler Wachsamkeit gigantische Reichtümer und allen voran die legendären Goldgruben der einäugigen Arimaspen in den unwirtlichen Riphäischen Bergen beschützt haben. Drachen hatten eine ähnliche Charakterisierung in der Nordischen Mythologie und in germanischen Volkssagen, wo sie unermessliche Schätze horteten, die allerdings oft als verflucht galten.

Ein Greif in der klassischen Darstellung.

Im christlichen Mittelalter entzweiten sich Greifen und Drachen in ihren zugeschriebenen Merkmalen schließlich komplett. Während der geflügelte Feuerspeier endgültig zur Ausgeburt des teuflischen Bösen wurde, stilisierte man den Greifen zu einem Symbol des Glaubens. Durch die Kombination aus Irdischem (Löwe) und Himmlischem (Adler) galt das Fabelwesen als Sinnbild göttlicher Macht. Häufig wurden Reliefs und Statuen von Greifen als Wächter für Kirchenportale angefertigt, um das Böse abzuwehren.

Von uralten Legenden und Saurierknochen

Bis in die Neuzeit hinein hielt sich in den meisten Kulturen die Vorstellung, dass sowohl Greifen als auch Drachen tatsächlich existieren würden. Erst in den letzten Jahrhunderten wurden sie vollständig in die Welt der Märchen und Legenden verfrachtet. Dort blieb der Drache ein meist böswilliges und hinterhältiges Monster, während der Greif oft als Unterstützer des Guten fungierte. Auch in vielen moderneren Fantasywerken kennen wir den Löwe-Vogel-Hybrid als Freund der Protagonist:innen, sei es in Harry Potter (auch wenn Seidenschnabel ein Hippogreif ist) oder Narnia.

Allerdings bleibt unweigerlich die Frage im Raum stehen, wie Greifen und Drachen – zwei aus heutiger Sicht komplett unrealistische Wesen – in so vielen unterschiedlichen Mythologien weltweit auftauchen konnten. Die kurze und ziemlich unbefriedigende Antwort: niemand weiß es. Aber es gibt zwei erwähnenswerte Theorien…

Erstens: Die Mythen um Greifen und Drachen sind sehr alt. Als sich die Menschen noch in viel größerem Ausmaß gegen Raubtiere zur Wehr setzen mussten, entwickelte sich eine Urangst gegenüber jenen Spitzenprädatoren. Dies prägte die damaligen Kulturen so sehr, dass es sich in deren Erzählungen widerspiegelte.

Die markantesten Attribute gefährlicher Tiere wurden – auf überspitzte Art und Weise – in einer furchterregenden Kreatur vereint. Dafür spricht die Charakterisierung von Greifen und Drachen als Mischwesen; mit Krokodilskopf, Löwenkörper, Adlerklauen, Schlangenrumpf oder riesigen Flügeln. Der Feueratem von Drachen könnte seinen Ursprung bei Tieren haben, die Gift verspritzen.

Dieser Theorie folgend entwickelten sich derartige Mythen noch lange vor der Sesshaftwerdung der Menschen und verbreiteten sich durch Völkerwanderungen auf dem Planeten. Dies würde erklären, weshalb Greifen und Drachen Bestandteile vieler verschiedener Kulturen sind und sich in ihrem Kern so stark ähneln. Demnach könnten auch ausgestorbene Tiere, zu denen der Mensch vor Jahrtausenden noch direkten Kontakt hatte, in die Legenden eingeflossen sein, wie zum Beispiel Säbelzahntiger oder Höhlenbären.

Zweitens: Hier kommen Dinosaurier ins Spiel. Die Fossilien der Urzeitechsen liegen bereits seit Jahrmillionen unter der Erde und nicht erst in den letzten 200 Jahren werden diese ausgegraben. In vorangegangenen Zeitaltern fanden Menschen bereits zufällig Saurierknochen, konnten diese aufgrund fehlenden Wissens jedoch nicht zuordnen. In Kombination mit bereits existierenden Mythen über furchteinflößende Raubtiere interpretierten antike Kulturen ihre Funde als Beleg für die Existenz von gefährlichen Fabelwesen.

Aus dem alten China ist überliefert, dass (aus heutiger Sicht nachweisbar) Dinosaurierskelette als Drachenknochen bekannt waren und einen hohen Stellenwert als medizinisches Heilmittel innehatten. Und auch der Mythos des Greifen geht möglicherweise auf einige explizite Funde von Fossilien zurück.

In den Steppen Zentralasiens und dem Altai-Gebirge, also dem antiken Skythien, lebten im Altertum nomadische Völker, die im Boden nach Erzen und Reichtümern gruben. Diese Goldschürfer entdeckten nachweislich Überreste des Protoceratops. Jener Dinosaurier besaß einen stämmigen Körper und hatte, ähnlich wie der artverwandte und heutzutage bekanntere Triceratops, einen markanten Nackenschild und ein schnabelartiges Maul.

Das Skelett eines Protoceratops…

(Jordi Payà from Barcelona, Catalonia, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons)
…und eine Rekonstruktion, wie er zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte.

(Nobu Tamura (http://spinops.blogspot.com), CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons)

Die Proto-Skythen schrieben diese Attribute Tieren zu, die sie kannten und so wurde aus dem Protoceratops ein Greif mit einem wuchtigen Löwenkörper sowie den Flügeln und dem Kopf eines Adlers. Diese Legende passt insofern wie die Faust aufs Auge, da der Greifenmythos von Zentralasien perfekt in das benachbarte Mesopotamien, den Nahen Osten und den östlichen Mittelmeerraum gelangen konnte. Dort etablierte sich das Fabelwesen in den Mythologien der ansässigen Kulturen und verbreitete sich von dieser Region, die in der Geschichte schon oft Ursprung von Legenden, Weltanschauungen und Neuheiten war, in andere Gebiete. Die Parallelen der Fossilientheorie zu den griechischen Überlieferungen sind hierbei nicht zu übersehen, wo von Greifen als grimmigen Goldwächtern im fernen Land der Skythen berichtet wird.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.