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Ausgabe 7Leitartikel

DER HYPE UM DIE URZEITECHSE

Die Licht- und Schattenseiten der Faszination

Quagga, Glyptodon, Elefantenvogel: Sagt euch alles nichts? Stegosaurus, Triceratops und Tyrannosaurus rex könnt ihr dagegen bestens auseinanderhalten? Dann darf ich euch gratulieren, auch ihr seid dem Hype um die Urzeitechsen verfallen.

Während wir die Namen anderer ausgestorbener Tierarten kaum kennen, wollen wir alles über die Wesen wissen, die vor etwa 66 Millionen Jahren von der Erde verschwanden. Wie viele Arten gab es? Wie verständigten sich Dinosaurier miteinander? Besaßen die Echsen ein Federkleid? Und welche Farben hatten sie? Mit diesen Fragen beschäftigen sich kleine und große Hobby-Paläontolog:innen. Aber woher rührt die Faszination?

Unbestreitbar sind Dinosaurier beeindruckende Tiere gewesen. So besaß der Quetzalcoatlus northropi eine Flügelspannweite von bis zu zwölf Metern und schwang sich mit einem Gewicht von bis zu 200 Kilogramm in die Lüfte. Der sieben Meter lange und zwei Meter hohe Utahraptor war mit einer bis zu 40 Zentimeter langen Sichelklaue ausgerüstet, mit der er seine Beute erlegte. Und der größte bisher entdeckte Raubsaurier, der Spinosaurus, besaß ein zweit Meter langes Rückensegel, das Forscher:innen Kopfschmerzen bereitet. Die Ära der prähistorischen Giganten begann mit dem Mesozoikum und dauerte knapp 170 Millionen Jahre an, bis zu dem Tag, an dem ein Meteoriteneinschlag das Zeitalter der Dinosaurier beendete.

Der Ursprung der Faszination Dinosaurier

Wir Menschen interessieren uns seit Anbeginn unserer Existenz für Monster. Vor etwa 40.000 Jahren entstand die erste Zeichnung einer solchen Kreatur. Auf den Wänden der Karsthöhle im französischen Chauvet ist ein Wesen abgebildet, das halb Mensch, halb Tier ist. Während der Unterleib zu einer Frau gehört, stammen Oberkörper und Kopf vom Stier. Seitdem entstanden viele weitere Bilder und Geschichten über Halbwesen, Vampire, Drachen, Dämonen, Hexen und Werwölfe. Sie bilden den Kern von Sagen und Märchen, die uns noch immer in ihren Bann ziehen. Die furchteinflößende Riesenechse der Urzeit bildet die Spitze der Schattenkreaturen, denn im Gegensatz zu all den ausgedachten Schreckgespenstern war er ein reales Monster. Aus diesem Grund werden seine Überbleibsel von etwas Bedrohlichem und zugleich Rätselhaften umgeben. Diese Kombination weckt unsere Neugierde und manövrierte die Dinosaurier zu den Helden der Naturkundemuseen und Stars der Leinwand.

Die Giganten der Popkultur

In Kinosaal wurde der Urzeitechse wieder neues Leben eingehaucht. Der 1993 erschiene Film Jurassic Park von Steven Spielberg löste einen Dinosaurierhype aus, der bis heute anhält. Auf die losgetretene Dinowelle sprangen zahlreiche Produzent:innen und Regisseur:innen auf und so entstanden in den 90ern jährlich neue Saurierfilme und -serien. So erschienen im Jahr 1994 die Filme Die Insel der Riesen-Dinosaurier und Ein Familie-Feuerstein-Film. Zugleich eroberten die Urzeitechsen den heimischen Fernsehbildschirm. Neue Serien wie Barney und seine Freunde, Die Dinos und Die verlorene Welt wurden produziert. Auch alte Kinderfilme wie In einem Land vor unserer Zeit wurden in den 90ern wieder ausgegraben.

Aber nicht nur die Film- und Fernsehwelt wurde von den prähistorischen Tieren überflutet, in den folgenden Jahren entwickelten sie sich zu den Ikonen der Popkultur. Seitdem outen sich Veganer:innen und Vegetarier:innen durch den Schriftzug Herbivore (Pflanzenfresser) und den dazu passenden Brachiosaurus. Spielzeugkisten in Kinderzimmern sind gefüllt mit Plastikfiguren in Echsenform, die Seiten von hippen Kunstbüchern werden von fantasievollen Aquarell-Dinos geschmückt und Dinosaurier-Wanderausstellungen sprießen aus jeder Ecke. Selbst in der Welt der Video- und Computerspiele sind die Giganten der Urzeit gestampft. So können Dino-Fans in Jurassic World Evolution einen eigenen Zoo mit Dinosauriern bauen, in ARK: Survival Evolved versuchen, auf einer Insel voller gefährlicher Urzeitechsen zu überleben oder im Echtzeit-Strategiespiel Paraworld in die Welt der Dinosaurier flüchten.

Die Vorteile des Hypes

Der Hype wirkt sich teilweise positiv auf die Forschung aus. Paläontolog:innen unterschreiben immer häufiger Berater:innenverträge mit der Filmindustrie und Dokumentationen über die prähistorische Echse erhalten durch die gestiegene Nachfrage mehr Förderung. Durch die zusätzlichen Gelder können Forscher:innen neue Projekte finanzieren. Zudem kurbelt die erhöhte Medienpräsenz das Interesse für neue Skelettfunde und Untersuchungsergebnisse an, wodurch Institute abermals finanzielle Unterstützung erfahren.

Die kindliche Entwicklung wird durch den Dinohype ebenfalls positiv beeinflusst. Klassische Musik und Latein im Kindergarten waren gestern. Die neue Elite unserer Welt wird sich aus Dino-Fans zusammensetzen, das bestätigt eine Studie der Indiana University. Laut dieser kann ein verstärktes Interesse für Brachiosaurus, Triceratops und andere Urzeitechsen ein Hinweis auf einen erhöhten IQ bei Kindern sein. Das Merken der komplizierten Namen, die Forscher:innen den einstigen Giganten der Erde gaben, sollen für eine erhöhte Ausdauer beim Lernen, für ein besonders komplexes Denken und für eine verbesserte Aufmerksamkeit sprechen. Zudem sind Wissenschaftler:innen der Ansicht, dass sich der Umgang mit Dinosauriern im Kindesalter förderlich auf den Umgang mit Problemen im Erwachsenenalter und auf das strategische sowie organisierte Arbeiten auswirken kann.

Die Nachteile des Hypes

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Nachteile der großen Dinosaurier-Faszination zeigten sich erst wieder im Juli dieses Jahres. Bei einer Auktion in New York wurde das 6,7 Meter lange Skelett eine Gorgosaurus für 6,1 Millionen Dollar versteigert. Summen wie diese sind keine Seltenheit. Für gut erhaltene Saurier-Überreste zahlen Sammler:innen und Museen gerne mehrere Millionen Euro. Spurenfossilien, wie versteinerte Kotballen, finden dagegen kaum Anklang bei Auktionen. Kein Interesse, kein Geld, keine Forschung. Knochensplitter werden links liegen gelassen, weil sie nicht vermarktbar sind. Dabei können uns gerade diese Spurenfossilien etwas über das Verhalten der Dinosaurier verraten. Bruchstücke von Knochen können Träger von Zahnspuren sein, woraus ein Rivalenkampf zwischen zwei Raubsauriern rekonstruiert werden könnte. Und versteinerte Kotballen könnten Aufschluss über die Fressgewohnheiten der Dinosaurier geben. Doch für diese Fragen interessiert sich die breite Bevölkerung nicht. Sie wollen die gewaltige Größe des Brachiosaurus in Museen bestaunen und nicht den Splitter eines einzelnen Knochens.

Der Hype ist oberflächlich und was für Millionäre. Dies zeigte eine Versteigerung im Jahr 2020 deutlich. Am 6. Oktober 2020 verkaufte das Londoner Auktionshaus Christie’s eines der besterhaltenen Tyronnosaurus-rex-Skelette der Welt. Entdeckt wurde das zwölf Meter lange Fossil 1992 in South Dakota vom Paläontologen Stan Sacrison. Nach dem Fund befand es sich im Besitz des Black Hills Institute of Geological Research. Dort wurden zahlreiche Abgüsse angefertigt, die heute in Museen auf der ganzen Welt stehen. Zudem war das Skelett Untersuchungsobjekt zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen, die sich beispielsweise mit der Beißkraft des Tyronnosaurus rex beschäftigten. Grund für den Verkauf des Saurier-Fossils war ein Rechtsstreit. Um einem ehemaligen Eigentümer des Instituts seine Anteile auszuzahlen, war das Institut gezwungen, zahlreiche Exponate zu verkaufen. Darunter fiel auch das Skelett des Tyronnosaurus rex. Die Überreste der gefährlichen Urzeitechse wurden für 31,8 Millionen Dollar an einen anonymen Sammler verkauft. Diese absurd hohe Summe übertrifft alle Preise, die je bei einer Auktion für ein Fossil gezahlt wurden und verbreitet Angst in Forscher:innenkreisen.

Wissenschaftler:innen fürchten die negativen Konsequenzen, die Verkäufe wie diese nach sich ziehen könnten. Der kommerzielle Anreiz könnte dazu führen, dass gut erhaltene Fossilien direkt zum Verkauf gestellt werden, bevor Paläontolog:innen diese untersuchen können. Da viele Sammler:innen die Skelette erwerben, um sie in ihren privaten Galerien oder Gemächern auszustellen, besteht zudem die Gefahr, dass die Öffentlichkeit keinen Zugang zu neuen Exponaten erhält. Auch die Wiederholung von Experimenten, wie das erneute Messen von Zähnen oder Knochen mit technisch verbesserten Instrumenten ist nicht mehr möglich, wenn sich ein Skelett in Privatbesitz befindet. Das Fossil als Luxusgut drängt den wissenschaftlichen Wert der Überbleibsel der prähistorischen Giganten zunehmend in den Hintergrund.

Saurierstarke Ausflugsziele

Diese negative Prognose soll euch den Dinosaurierwahn nicht madig machen. Doch wie bei jedem Trend müssen die Ursachen und Auswirkungen auch bei diesem Hype beleuchtet werden. Urzeitechsen sind weiterhin cool, solange alle was davon haben. Dieses Konzept setzt der Dino-Erlebnispark Münchenhagen um. Dort können auf einem 2,5 km langen Rundweg über 200 Dinosaurier bestaunt werden. Ebenfalls einen Ausflug wert ist das Naturkundemuseum Berlin. Hier können Besucher:innen Tristan Otto bestaunen, das einzige Originalskelett eines Tyronnosaurus rex in ganz Europa. Die größte Dinosaurierausstellung Deutschlands befindet sich allerdings im Naturmuseum Frankfurt am Main, dort werden mehr als 1.000 Exponate präsentiert. Wahre Saurierfans kommen um eine Reise in die USA nicht drumherum. Innerhalb der Bundesstaaten Utah und Colorado verläuft der Dinosaur Diamond Prehistoric Highway – die Geburtsstätte des Dinofiebers. In den frühen 1900er Jahren wurden entlang des 486 Meilen langen Roadtrips zahlreiche Skelette, unter anderem von einem Brachiosaurus, Diplodocus und Apatosaurus entdeckt. Das größte bisher bekannte Dinosaurierskelett befindet sich derzeit im New Yorker Naturkundemuseum. Dort könnt ihr das 37 Meter lange Skelett eines Titanosauriers (vorläufiger Name bis zur offiziellen Benennung) bestaunen. Wer an ganz aktuellen Saurier-Funden interessiert ist, kann sich auf nach Pombal machen. In der portugiesischen Stadt wurde vergangene Woche wahrscheinlich das größte Skelett eines Sauropoden in Europa ausgegraben. Ihr wollt nicht weit reisen und kommt wie das Wirsing-Team aus Sachsen? Dann könnt ihr euch im Leipziger Zoo auf ein Dinoabenteuer begeben. In diesem befinden sich seit 2021 20 lebensgroße, animatronische Dinosaurier. Die Ausstellung wurde kuratiert vom Paläontologen Don Lessem, dem wissenschaftlichen Berater der Jurassic-Park-Filme. Womit wir wieder bei den Anfängen des Hypes wären.

Julia ist die Ambivalenz auf zwei Beinen. Sie lebt einerseits mit Dinosauriern und Shakespeare in der Vergangenheit, ihr (seit drei Jahren) fast vollendeter Debüt-Roman spielt jedoch in der Zukunft. Sie wollte eigentlich etwas "Sicheres" studieren und ist jetzt blöderweise im Journalismus gelandet. Dort ist sie ganz nebenbei Mate-abhängig geworden und mit ihrer Tastatur verwachsen.

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