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Ausgabe 1Fantastische Fabelwesen

DER WERWOLF

Unschuldiges Opfer oder blutrünstiger Täter?

Die Finger verformen sich zu grässlichen Klauen, die Nase wölbt sich zu einer spitzen Wolfsschnauze und die Zähne mutieren zu todbringenden Dolchen – dies geschieht mit Menschen, auf denen der Werwolffluch lastet, wenn der Vollmond den Horizont überschreitet.

Als eines der bekanntesten Fabelwesen besitzt der Werwolf in vielen fantastischen Film- und Buchuniversen eine tragende Rolle oder wird zumindest am Rande einmal erwähnt. So ist er ein stets gern gesehener Gast in Teenieserien, denen noch der gewisse übernatürliche Biss fehlt, und auch in Fantasyklassikern wird das pelzige Ungetüm gerne wie ein Ass aus dem Ärmel gezogen. Aufgrund dieses fast schon inflationären Gebrauches von Werwolfcharakteren sind wir der Meinung, wir wüssten, was sich hinter dem Fabelwesen verbirgt. Dass wir damit vollkommen daneben liegen, ist uns in der Regel nicht bewusst. Denn unser durch Filme, Bücher und Serien wohlgenährtes (Halb-)Wissen hat reichlich wenig mit dem historischen Geschöpf gemein, das unter dem Namen Werwolf in die Geschichte einging.

Der Volksglaube, dass der Werwolf ein Wolf ist, in dem die Seele eines Menschen steckt, die in diesem besonders bestialisch und animalisch wütet, war bereits in der Antike verbreitet. In der griechischen Mythologie verwandelte der Göttervater Zeus den arkadischen König Lykaon in einen Wolf, da dieser dem obersten olympischen Gott Menschenfleisch zum Fraß vorsetzte. Und auch in den nordischen und römischen Mythen lassen sich zahlreiche Geschichten über Tierverwandlungen wiederfinden. Doch nicht nur in Mythologien trieben Werwölfe zu dieser Zeit ihr Unwesen. Der berühmte griechische Geschichtsschreiber der Antike, Herodot, beschrieb in seinen Historien eine osteuropäische Volksgruppe, deren Angehörige sich jedes Jahr für wenige Tage in Wölfe verwandeln würden – jedoch beteuerte der Gelehrte, dass er dies nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Auch im europäischen Mittelalter wurde die Legende vom Mischwesen aufgegriffen und diente zuhauf als Begründung für besonders bestialische Morde. Und in der frühen Neuzeit soll er laut zahlreicher Quellen von Gelehrten in ganz Europa Angst und Schrecken verbreitet haben.

Mit der Verbreitung dieser Geschichten und Sagen stieg auch das Bestreben, eine Erklärung abseits von Aberglauben für das Phänomen Werwolf zu finden. Schon früh beschrieben Naturphilosophen und Ärzte das Werwolftum als Krankheit: die Lykanthropie („Lykos“, Wolf, und „Anthropos“, Mensch). Dabei handelt es sich um eine spezielle Form der Schizophrenie, bei der sich der Mensch zwar in keinen Wolf verwandelt, jedoch dessen Auftreten übernimmt. Die Erkrankten entwickeln während der „Verwandlung“ ein werwolfartiges Verhalten. So berichten Betroffene vom plötzlichen Blutrausch, einer unnachgiebigen Lust zu töten und von dem Gefühl, scharfe Zähne würden aus ihren Kiefern brechen. Eine weitere Erklärung für die Entstehung des Werwolf-Irrglaubens könnte die Tollwut gewesen sein. Denn die in der Regel durch den Biss eines erkrankten Tieres übertragene Krankheit führt zu vermehrtem Speichelfluss, Panik- und Angstgefühlen sowie zu aggressiven Gemütszuständen – klassische Verhaltensformen des vermeintlichen Werwolfs. Eine tatsächliche Verwandlung von Menschen in Tiere wurde von vielen Gelehrten in der Antike, wie auch im Mittelalter und der Neuzeit ausgeschlossen. Doch zum Kreis der Gelehrten zählte nur eine kleine, erlesene Gruppe und so wurde der Irrglaube an ein übernatürliches Wesen hartnäckig fortgeführt.

Gerissenes Vieh und unaufgeklärte Morde schürten den Mystizimus und wie schon so oft in der Geschichte entwickelte sich aus Angst vor dem Unbekannten und nicht Erklärbaren Hass. Besonders zur Zeit des Mittelalters wurden Werwölfe gejagt. Tausende beschuldigte Menschen, in der Regel Männer, wurden zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Besonders betroffen waren Einsiedler – Menschen, die zurückgezogen lebten und sich weitestgehend vom Stadtgeschehen fernhielten. Oftmals waren es Hirten oder Segner, die als Werwölfe vor Gericht gestellt wurden. (Segner waren Menschen, die das Vieh segneten, um Werwölfe von den Herden fernzuhalten. Wurde das Vieh trotz der Segnung gerissen, lag der Verdacht nahe, dass der Segner selbst ein Werwolf war.) Nicht selten gestanden die Beschuldigten nach wochenlanger Folter ihre Wesensnatur, nur um anschließend ebenfalls auf dem Scheiterhaufen zu landen. Die Werwolfprozesse, wie sie heute genannt werden, traten meist in Wellen auf und vermehrt in den Gegenden, die unter ganz natürlichen Wolfsplagen litten. Die Hochphase dieser Prozesse endete im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts.

Doch auch nach den Verfolgungen blieb der Werwolf ein treuer Weggefährte des Menschen. Die Legende vom Wesen, das sich stets zu Vollmond in einen blutrünstigen Wolf verwandelt, ist heute allerdings nur noch ein Ammenmärchen, das häufig in Literatur, Filmen und Serien aufgegriffen wird. So entstanden Filmklassiker wie Van Helsing, Pakt der Wölfe oder auch Michael Jacksons berühmtes Musikvideo zu Thriller. Aus dem Horrorgenre ist der Werwolf fast gar nicht mehr wegzudenken. In Filmen und Büchern dieser Gattung wird er als ein nach Blut gierendes, von seinen Instinkten besessenes Wesen beschrieben, das kaum noch Gemeinsamkeiten mit einem Menschen aufweist. In anderen Genres dagegen besitzt der Wolf durchaus noch menschliche Attribute. In der Harry Potter-Welt ist er nicht mehr die bösartige Bestie des Mittelalters, sondern stellt vielmehr das Opfer eines Fluches dar. So wird der Werwolffluch des Professors Lupin als Krankheit beschrieben, die einen sympathischen Lehrer dazu zwingt, einmal im Monat eine schmerzvolle Verwandlung zu vollziehen. Auch nach seiner Metamorphose ist Lupin nicht der große kräftige Wolf, den man aus dem Horror-Genre kennt, sondern ein tierähnliches Wesen, das kaum mit Haaren bekleidet, hager und entstellt ist. Doch nicht nur die Erscheinung, sondern auch die Art der Verwandlung variiert von Werk zu Werk. Während die frischgebackenen Werwölfe in einer Version von Van Helsing ab dem dritten Tag ihrer ersten Verwandlung im neuen Wolfskörper gefangen bleiben, ist es ihnen in einer Fassung von Underworld möglich, sich rund um die Uhr zu verwandeln. Zumeist aber ist es der Vollmond, der den Fluch auslöst.

So unterschiedlich die Werwölfe auch sein mögen, die Kinoleinwände und Buchseiten zerkratzen, sie alle haben am Ende doch recht wenig mit den Menschen gemein, die zu Unrecht auf den Scheiterhaufen brannten.

Julia ist die Ambivalenz auf zwei Beinen. Sie lebt einerseits mit Dinosauriern und Shakespeare in der Vergangenheit, ihr (seit drei Jahren) fast vollendeter Debüt-Roman spielt jedoch in der Zukunft. Sie wollte eigentlich etwas "Sicheres" studieren und ist jetzt blöderweise im Journalismus gelandet. Dort ist sie ganz nebenbei Mate-abhängig geworden und mit ihrer Tastatur verwachsen.

Quelle
springerHarry Potter und der Gefangene von Askaban – Joanne K. Rowlingzdf

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