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Alte und Neue GötterAusgabe 3

EINE UMGEHUNGSSTRASSE FÜR ELFEN

Der Glaube an Fabelwesen in Island

Hierzulande kann es schon einmal vorkommen, dass ein Großbauprojekt – sei es eine Straße, ein Tunnel oder eine Brücke – aufgrund einer seltenen Fledermausart ins Stocken gerät oder gar zum Erliegen kommt. Auch auf Island sind solche Unterbrechungen keine allzu große Besonderheit. Die Rücksichtnahme auf schutzbedürftige Wesen genießt im nordeuropäischen Inselstaat ebenso einen hohen Stellenwert. Nur betrifft dies dort keine Fledermäuse, sondern Elfen.

Häufig wird Island als mystische Insel voller magischer Geheimnisse und alter Traditionen charakterisiert. Das raue Fleckchen Erde im Nordatlantik punktet nicht nur mit seinen atemberaubenden Naturwundern von frostigen Gletschern hin zu heißen Geysiren, sondern auch aufgrund seiner Folklore, die uns in die Welt der Fabelwesen entführt. Im isländischen Brauchtum existiert die Vorstellung eines verborgenen Volkes, auch Huldufólk genannt. Gemeint sind damit verschiedene märchenhafte Wesen, die im Geheimen und fernab der menschlichen Zivilisation in der Wildnis der Insel wohnen. Meistens werden die Elfen mit dem Huldufólk gleichgesetzt, doch es gibt auch Erzählungen von versteckt lebenden Trollen und Zwergen.

Wie aus einem Fantasy-Film: die Wildnis Islands

Auch in der hiesigen Tradition und Folklore sind solche märchenhaften Geschöpfe fest verankert, denken wir beispielsweise an Hexen in dunklen Wäldern, Berggeistern in tiefen Höhlen oder dem stets sehnsüchtig erwarteten und doch gefürchteten Knecht Ruprecht. Doch hierzulande haben solche Erzählungen höchstens den Status einer Gute-Nacht-Geschichte oder flimmern Sonntag Vormittag sowie zu bestimmten Feiertagen in ständiger Dauerschleife über die Fernsehbildschirme. Kaum jemand glaubt ernsthaft an die tatsächliche Existenz von Feen oder anderen derartigen Wesen.

Der Glaube an Fabelwesen in Island

Das ist in Island anders. Fast die Hälfte aller Inselbewohner hält es laut einer Studie des Psychologen Erlendur Haraldsson aus dem Jahr 2006 für möglich, dass Elfen, Trolle und andere Fabelwesen auf der Insel heimisch sind. Das Huldufólk wird demnach nicht nur als verstaubtes Überbleibsel alter Traditionen betrachtet, sondern als realer Bestandteil der isländischen Kultur.

Meistens werden besonders markante Landschaftsformationen, wie etwa Hügel, Felsen oder erkaltete Lavabrocken als Heimstätte des verborgenen Volkes angesehen. Und diese magischen Orte stehen als isländisches Kulturgut unter staatlich-gesetzlichem Schutz. Die 2015 verstorbene Erla Stefánsdóttir galt auf der Insel als Spezialistin auf diesem Gebiet und inoffizielle Elfenbeauftragte. Sie fertigte Karten an, welche die vermeintlichen Siedlungen und heiligen Stätten des Huldufólkes dokumentierten. Auch mit den Bauämtern des Landes arbeitete die Isländerin eng zusammen, da vor jedem Vorhaben geprüft werden muss, ob ein Stein oder Felsen, der für die Bauarbeiten weichen soll, von Elfen bewohnt und somit kulturell geschützt ist.

Und so kommt es immer wieder vor, dass eine Straße nicht wie geplant errichtet werden kann, da sie möglicherweise den Lebensraum geheimer Fabelwesen zerstört. Auch Ungereimtheiten bei derartigen Bauvorhaben, wie etwa technische Probleme bei Maschinen, Unwetter oder Verletzungen der Arbeiter werden mitunter darauf zurückgeführt, dass versehentlich die heimischen Elfen gestört wurden. Das kann schließlich dazu führen, dass ein markanter Felsen großflächig umgangen, sorgfältig verlegt oder nach unbeabsichtigtem Verschütten wieder freigelegt und gesäubert wird. Und falls doch aus Versehen ein vermeintliches Elfenheim zerstört wurde, so fertigen die Anwohner kleine bemalte Häuschen an, die als Ersatzunterkunft dienen sollen. Vielerorts zieren diese Miniaturhütten unzählige Naturwiesen und Vorgärten.

Eine kulturreligöse Besonderheit

Wenn sogar die Staatsregierung per Gesetz und die pragmatische Bürokratie einer Baubehörde Rücksicht auf Fabelwesen nehmen, zeigt das, wie tief das Huldufólk im kulturellen Erbe des Landes verankert ist. Und auch wenn nicht alle Isländer an Elfen glauben, so kennt dennoch fast jeder Inselbewohner eine Anekdote aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis, in der es um die geheimen Fabelwesen geht.

In wohl kaum einem anderen europäischen Land herrscht eine solche Überlappung alter und neuer Glaubensvorstellungen. Betrachtet man die Tatsache, dass über 50% aller Einwohner Islands einer christlichen Konfession angehören, kann durchaus von synkretistischen Ansätzen gesprochen werden. Die folkloristischen Überlieferungen rund um das verborgene Volk, die auf der nordischen Mythologie basieren, treffen auf die Weltanschauungen des Christentums, in denen Elfen und andere Fabelwesen normalerweise weniger Platz finden. Es ist jedoch auch fernab dieses religionswissenschaftlichen Fazits faszinierend, wie sich der Glaube an das sagenumwobene Huldufólk über die Generationen hinweg im kulturellen Brauchtum Islands erhalten hat und mehr ist als nur ein staubiges Märchen, das den Kindern vorm Schlafengehen erzählt wird.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
IslandreisenMAZBerliner MorgenpostHaraldsson, Erlendur (2011): Psychic Experiences a Third of a Century apart: Two representative Surveys in Iceland with an international Comparison

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