fbpx
Ausgabe 1Leitartikel

FANTASY UND SCIENCE-FICTION

Zwei Genres im Rampenlicht

Fans von Fantasy und Science-Fiction werden häufig als Nerds stereotypisiert, die als Legolas verkleidet durch den Wald rennen, sich im Hulk-Kostüm durch eine Convention zwängen oder in fensterlosen, muffigen Kellern Dungeons & Dragons bis zum Morgengrauen spielen. Vielleicht mögen diese Klischees auf sogenannte Hardcore-Fans zutreffen, doch längst fristen Fantasy und Science-Fiction kein Nischendasein mehr. Ganz im Gegenteil: Sie sind nicht nur im Mainstream angekommen, sondern haben diesen in den letzten Jahrzehnten quasi im Sturm erobert.

Über ein Jahrzehnt thronte Titanic an der Spitze der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Es schien fast, als könne kein Streifen die Rekorde des Blockbusters von 1997 je überbieten. Doch dann kam 2009 mit Avatar – Aufbruch nach Pandora die Ablösung in Form eines Science-Fiction-Meisterwerks. Es sollte schließlich zehn Jahre dauern, bis auch dieser Film den Platz an der Sonne räumen musste. Im Jahr 2019 übernahm mit Avengers: Endgame der Abschluss der Infinity-Saga des Marvel Cinematic Universe die Führung in dieser prestigeträchtigen Liste und etablierte wohl endgültig die einstigen Nischengenres (inklusive Superheldenfilme) an der Spitze der Popkultur. (Anmerkung: Seit Mitte März diesen Jahres hat aufgrund einer Neuaufführung in der Volksrepublik China der Film Avatar wieder die erste Position inne.)

Ein weiterer Beweis dafür, dass Filme mit Elementen von Science-Fiction und Fantasy die Hoheit übernommen haben, ergibt sich aus einem detaillierten Blick in die Liste. Titanic hält sich wacker auf Platz drei, doch dann folgen mit Star Wars – Das Erwachen der Macht und Avengers: Infinity War gleich die beiden nächsten Kracher dieser Gattung. Rechnet man Jurassic World und dessen Sequel Fallen Kingdom dem Spektrum hinzu, so durchbrechen lediglich vier genrefremde Filme die Phalanx der fantastisch-fiktional angehauchten Werke in den Top 15. Neben dem erwähnten Schiffsuntergangsepos von James Cameron sind das die Disney-Streifen Der König der Löwen (in der Neuverfilmung von 2019) und Die Eiskönigin II (welcher zweifelsohne ebenso fantastische Elemente enthält) sowie der siebte Teil der Reihe The Fast and the Furious.

Unter den erfolgreichsten 50 Filmen, die jemals gedreht wurden, befinden sich sage und schreibe mindestens 30 Streifen, die (mal mehr, mal weniger) den Genres Fantasy und Science-Fiction zugeordnet werden können; in den Top 100 sind es über 60. Demzufolge entstammen zwei von drei Welt-Blockbustern diesen beiden Filmgattungen. Zu jenen erfolgreichen Meisterwerken zählen neben etlichen Streifen aus den Universen von Marvel und Star Wars auch die mittlerweile zu zeitlosen Klassikern gewordenen Verfilmungen von Harry Potter und Der Herr der Ringe (deren Auftaktfilme dieses Jahr bereits ihr 20-jähriges Jubiläum feiern) sowie die Ableger-Trilogie des Letzteren: Der Hobbit. Außerdem in der Liste anzutreffen sind die actiongeladenen Kracher der Transformers-Reihe, die ulkigen Piratenabenteuer des Jack Sparrow sowie diverse Verfilmungen von DC-Comics rund um Batman und Superman. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass fast alle Filme aus Fantasy und Science-Fiction einem größeren Franchise zuzuordnen sind (und ganz nebenbei wird auch die Liste der erfolgreichsten Filmreihen von den beiden Genres maßgeblich geprägt). Die wenigen Ausnahmen bilden beispielsweise Inception oder E.T.

Auffallend ist weiterhin, dass die Liste vor allem von neueren Erscheinungen dominiert wird. Lediglich vier Filme in den Top 50 stammen noch aus dem 20. Jahrhundert (was logisch erscheint aufgrund verbesserter Technologie und sich stets entwickelnder Vermarktungsoptionen). Demnach enthalten eine deutliche Mehrheit der zeitgenössischen Kassenschlager fantastische und fiktionale Elemente. Dies macht deutlich, dass diese beiden Genres den Markt nicht nur erobert haben, sondern in den nächsten Jahren ihren Anteil vermutlich noch vergrößern können.

Ein steigender Marktanteil bringt natürlich auch mit sich, dass eine größere Zahl an Fantasy- und Science-Fiction-Filmen gedreht wird. Doch diese wachsende Quantität bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder produzierte Streifen mit der Hochwertigkeit der eben erwähnten Meisterwerke mithalten kann. Im Gegenteil: je mehr Filme dieser Art produziert werden, umso mehr Konkurrenz wird erschaffen. Und Der Herr der Ringe, Marvel und Co. haben die Messlatte enorm hoch gelegt. An dieser Stelle soll deshalb darauf hingewiesen werden, dass ein Film dieses Spektrums nicht automatisch eine Erfolgsgarantie mit sich bringt. Denken wir dabei beispielsweise an die bildgewaltige Comic-Adaption Valerian oder die Kino-Umsetzung des weltweit beliebten Videospiel-Franchises Warcraft: beides gewaltige Produktionen, beides gewaltige Kassenflops.

Erfolgreiche Filme erschaffen inspirierende Charaktere

Aber nicht nur mit den Einnahmen eines Films lässt sich dessen Impakt für die Popkultur ermessen. Beispielsweise können auch Einfluss und Beliebtheit ausgewählter Charaktere herangezogen werden. Das renommierte britische Filmmagazin Empire veröffentlichte 2015 ein Ranking der 100 einflussreichsten Filmcharaktere aller Zeiten. Zugegeben, diese Liste ist subjektiv und es erscheint schwierig, Figuren über unterschiedliche Werke und Genres hinweg zu vergleichen, aber gänzlich von der Hand zu weisen ist jene Aufzählung mitnichten. Wohl weniger überraschend wird auch jener illustre Kreis an Helden, Bösewichten und Figuren dazwischen von fantastisch-fiktionalen Charakteren dominiert.

Darth Vader aus Star Wars

An der Spitze thront Indiana Jones, der nicht zwangsläufig einem der beiden Genres zuzuordnen ist. Es ist jedoch auch kaum zu bestreiten, dass die Filme einen magisch-mystischen Kern besitzen und die Reihe rund um den abenteuerlustigen Archäologie-Professor wohl auch deshalb so gut bei Fans von Fantasy und Science-Fiction ankommt. Aber davon abgesehen befindet sich mit James Bond nur ein Charakter einer anderen Stilrichtung unter den Top 6 der einflussreichsten Figuren aller Zeiten. Er wird umgarnt von den Leinwandgrößen Han Solo, Batman, Ellen Ripley und dem Joker. Unter den besten Zwanzig tummeln sich ein dutzend Figuren aus besagten Genres; unter anderem Darth Vader, Iron Man und Aragorn. Je nach Zählweise können insgesamt ungefähr 40 der 100 bedeutendsten Filmfiguren der Geschichte Werken mit einem Fantasy- oder Science-Fiction-Hintergrund zugeordnet werden. Der Herr der Ringe behält mit sechs Einträgen die Oberhand, knapp vor den Helden von Star Wars und Marvel, die es auf jeweils fünf Mitglieder in diesen erlesenen Kreis geschafft haben.

Fantastische Romane und deren Vorläufer

Trotz des eben beschriebenen Erfolges mag der Film zwar das beherrschende, aber keineswegs das wegbereitende, geschweige denn einzige Medium sein, welches für den Aufstieg von Fantasy und Science-Fiction gesorgt hat. Eine Vielzahl der beliebtesten Kinostreifen dieser Genres (und mittlerweile auch TV-Serien, wie man an den bahnbrechenden Erfolgen von Game of Thrones sehen kann) sind Adaptionen berühmter Bücher. Zweifelsohne legte die belletristische Literatur den Grundstein für die weltweite Erfolgswelle magischer Geschichten.

Die epischen Meisterwerke J. R. R. Tolkiens – allen voran Der Herr der Ringe (1954/1955) und Der Hobbit (1937) zählen genau so wie die Narnia-Heptalogie (1950-1956) von C. S. Lewis zu den Wegbereitern des modernen Fantasy-Genres. Die beiden befreundeten englischen Autoren gelten als Begründer dieser Literaturgattung. Und ganz nebenbei gehören jene Romane noch heute zu den meistverkauften belletristischen Büchern aller Zeiten. Mit Harry Potter wurden Erzählungen dieser Art zur Jahrtausendwende wiederbelebt und in der Tradition der Jugendfantasy-Reihe von J. K. Rowling eroberten derartige Geschichten für ein jüngeres Publikum sowohl die Bücherregale als auch die Kinoleinwände (denken wir dabei zum Beispiel an die Twilight-Serie oder Die Tribute von Panem).

Für die klassische Science-Fiction können die weltberühmten Schriftsteller Mary Shelley (u.a. Frankenstein, 1818) und Jules Verne (u.a. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, 1864, und 20.000 Meilen unter dem Meer, 1869/1870) als Pioniere angesehen werden. Doch wie bei der Fantasy reichen die Wurzeln dieses Genres noch viel tiefer. Bereits im 2. Jahrhundert beschrieb Lukian von Samosata einen antiken Krieg der Sterne. In seinem Werk Wahre Geschichten schilderte der griechische Satiriker eine (selbstverständlich fiktive) Reise zum Erdtrabanten und eine Weltraum-Schlacht zwischen den Königen von Sonne und Mond um die Herrschaft über den Morgenstern. In den verfeindeten Lagern kämpften diverse außerirdische Lebensformen, unter anderem Mischwesen aus Mensch und Pilz. Im 17. und 18. Jahrhundert, beflügelt durch das Fortschreiten der Technologie, verschriftlichten führende Wissenschaftler wie Johannes Kepler und Voltaire ihre Vorstellungen zu Ausflügen ins All oder zum Mond und konkretisierten somit die Grundidee von Science-Fiction.

Der Ursprung klassischer Fantasyerzählungen wiederum liegt in den unzähligen mythologischen Sagen dieser Welt, in den Geschichten von unsterblichen Göttern und übermenschlichen Helden. Für frühe Kulturen waren die Taten von Herkules, Artus oder Siegfried Überlieferungen tatsächlich stattgefundener Ereignisse. Später entwickelten sich derartige Mythen zum Grundgerüst des Genres. Ebenso verhält es sich mit klassischen Märchen, deren verschriftliche Formen als neuzeitliche Vorreiter der Fantasy-Literatur gelten.

Der gemeinsame Kern = das Fundament des Erfolgs

Fantasy und Science-Fiction scheinen sich also in Ursprung, Thematik und Inhalt durchaus voneinander zu unterscheiden. Selbst intern gibt es zahlreiche Differenzen zwischen den diversen Sub-Genres. Die klassische High Fantasy ist geprägt von mittelalterlichen Welten voller magischer Geschöpfe (Der Herr der Ringe). Die Contemporary oder Urban Fantasy spielt in der irdischen Realität, in welcher jedoch Zauberei als mehr oder weniger geheimes Phänomen existiert (Harry Potter) oder in welcher es Portale gibt, von denen aus ein magisches Paralleluniversum betreten werden kann (Narnia). Es gibt Dark Fantasy mit markanten Horrorelementen (The Witcher) und Science Fantasy, deren Erzählungen beispielsweise in wissenschaftlich differenzierten oder vom Steampunk inspirierten Welten spielen (His Dark Materials/Der Goldene Kompass).

Ebenso bestehen bei Science-Fiction-Geschichten verschiedene thematische Ausrichtungen. Sie können sich beispielsweise um Raumfahrtabenteuer, Kontakte mit Außerirdischen und galaktische Kriege drehen (Star Wars, Star Trek), Horrorszenarien beinhalten (Alien), dystopische Zukunftsvorstellungen (oft gekoppelt mit einer Bedrohung durch Künstliche Intelligenz) im Stil der sogenannten Dark Future beschreiben (Matrix) oder mysteriöse, (pseudo)wissenschaftliche Phänomene wie Zeitreisen (Zurück in die Zukunft) oder Schwarze Löcher (Interstellar) zum inhaltlichen Schwerpunkt machen.

Dennoch kann grob zusammengefasst werden: Auf der einen Seite magische Welten, Monster und ritterliche Krieger; auf der anderen unendliche Weiten, Raumschiffe und Laserwaffen. Oder drehen sich vielleicht beide Gattungen um realitätsferne und geheimnisvolle Orte, unerklärliche Naturgesetze und -phänomene sowie tapfere Helden, die mit epischen Waffen oder Fähigkeiten (das Böse be)kämpfen? Der Unterschied zwischen den Genres ist an sich doch nicht so groß, wie er auf den ersten Blick scheinen mag. Im Kern geht es darum, eine Welt zu erschaffen, die sich durch den Einfluss unerklärlicher Kräfte fundamental von der Realität unterscheidet.

Im Fantasy-Bereich werden diese Abweichungen durch Magie, Hexerei oder übernatürliche Wesen verursacht, bei Science-Fiction durch bahnbrechende Technologie, beschleunigte Evolution oder Innovationen in den Naturwissenschaften. Die magischen Elemente blieben hierbei in der Entwicklung des Fantasy-Genres nahezu konstant. Seit jeher geht es um Drachen, Elfen oder Zauberer.

In der Science-Fiction-Gattung veränderten sich mit zunehmendem (in der Realität stattfindendem) Fortschritt die Variablen. Während es früher tatsächlich utopisch erschien, ins All oder zum Mond zu fliegen, ist dies heute keine Zukunftsvision mehr. Genau so verhält es sich mit den rasant wachsenden, weltumspannenden Kommunikationsmöglichkeiten. Durch das Internet und Smartphones ist heute Realität, was in nicht allzu ferner Vergangenheit noch reine Fiktion war. Zeitreisen wiederum sind nach wie vor unrealisierbar und deshalb noch immer Bestandteil vieler Science-Fiction-Erzählungen. Dabei sind sie quasi genauso unerklärlich wie feuerspeiende Drachen. Nur wird das eine mit vermeintlichem (und dennoch aus heutiger Sicht rein spekulativem und meist kaum vorstellbarem) wissenschaftlich-technologischem Fortschritt erklärt, das andere im Rahmen der jeweiligen Welt als natürlich akzeptiert. Der Hypergeschwindigkeitsknopf eines Raumschiffes ist quasi der Zauberstab der Science-Fiction und umgekehrt.

Ein noch prägnanteres Beispiel, welches die starke Verknüpfung der beiden Genres aufzeigt: Im Sci-Fi-Klassiker Star Wars ist die Macht das bestimmende Element für das Gleichgewicht in der Galaxis. Sie ist quasi identisch mit klassischer Magie und unterscheidet sich im Kern nur durch den Kontext von Zauberei. Es macht demnach kaum einen Unterschied, ob Jedi-Meister Yoda kraft seiner gedanklichen Machtkontrolle das Raumschiff Luke Skywalkers schweben lässt oder ob Hermine Granger mit ein bisschen wutschen, wedeln und dem Aussprechen des Zauberspruches Wingardium Leviosa eine Feder durch die Lüfte transportiert. Beides erscheint aus heutiger Sicht unvorstellbar. Arthur C. Clarke, ein britischer Physiker und Science-Fiction-Autor, brachte es mit seinem Dritten Clarkeschen Gesetz auf den Punkt:

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

Clarke, Arthur C. (1973): Profiles of the future. An inquiry into the limits of the possible.

In anderen Worten: Je weiter eine wissenschaftlich-technologische Errungenschaft entwickelt ist (von unserem Verständnis aus betrachtet), umso mehr nähert sich diese der surrealen Übernatürlichkeit an. Fantasy und Science-Fiction gleichen sich demnach in vielerlei Hinsicht. Beide Genres spielen mit der menschlichen Faszination für das Unerklärliche und verschmelzen in dem Aspekt, den Konsumierenden eine atemberaubende Abwechslung von der irdischen Realität zu bieten. Dieser eskapistische Faktor mag auch der Hauptgrund für den durchschlagenden Erfolg der beiden Genres sein.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Box Office MojoEmpire OnlineFantastische AntikeTor Online - Geschichte der FantasyTor Online - Fantasy-GenresBritannica - Science-FictionBritannica - FantasyClarke, Arthur C. (1973): Profiles of the future. An inquiry into the limits of the possible

2 Kommentare

  1. „Fantastische Romane und deren Vorläufer“ – I see what you did there 😉
    Sehr toller und informativer Artikel. Das mit dem Star Wars der griechischen Antike wusste ich tatsächlich noch überhaupt nicht. Jetzt warte ich eigentlich auf die Verfilmung, schon allein weil ich die Mischwesen aus Mensch und Pils sehen will 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.