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Ausgabe 4Leitartikel

QUIDDITCH UND FUSSBALL

Ein Vergleich zweier Weltsportarten

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten; ein Quidditchteam gewinnt, wenn der Sucher den Schnatz fängt. So einfach ist das jedoch nicht immer. Zwischen verwirrenden Regeln, Flüchen und Fouls präsentieren wir euch heute spannende Fakten und absurde Anekdoten, interessante Verbindungen und eklatante Differenzen zwischen zwei Sportarten, die ganze Welten dominieren.

Als Nathaniel Creswick und William Prest am 24. Oktober 1857 mit dem Sheffield F.C. den ersten Fußballklub der Welt gründeten, ahnten sie wohl kaum, dass diese Sportart in den Jahrzehnten danach einen derart rasanten Aufstieg erleben und schließlich zur beliebtesten Sportart des Planeten werden sollte. Doch nach mittlerweile 29 Weltmeisterschaften (21x Männer, 8x Frauen) thront der Fußball auch im 21. Jahrhundert unangefochten an der Spitze des globalen Sportolymps.

In gewisser Weise kann Quidditch diesbezüglich als magisches Pendant zur massenbegeisternden Ballsportart angesehen werden, denn in der Zauberwelt von Harry Potter genießt das Spiel der besenreitenden Hexen und Zauberer einen ähnlich spektakulären Ruf. Die Geschichte des Quidditch reicht einige Jahrhunderte weiter zurück, bereits 1473 wurde die erste Weltmeisterschaft ausgetragen (und somit mehr als 450 Jahre vor der ersten Fußball-WM 1930 in der realen Welt).

Jedoch hat der Ball- und Besensport, den wir aus Hogwarts kennen, dem Fußball zwei Dinge voraus. Erstens hat er die Grenze zwischen den Welten überwunden. Während wir in Rowlings Universum nur einige vage Andeutungen zum Fußball finden (z.B. dass Dean Thomas in der Muggelwelt Fan von West Ham United ist), etablierte sich Quidditch in unserer Welt als tatsächliche Sportart mit einer internationalen Verbandsstruktur – der IQA. Alle zwei Jahre versammeln sich die besten Spieler unseres Planeten zur Quidditch-Weltmeisterschaft. Natürlich wird der Sport bei uns nicht ganz so zauberhaft gespielt wie bei Harry Potter; fliegende Besen und Bälle mit eigenem Willen sind leider nicht so einfach aufzutreiben. Aber mit einem Stock zwischen den Beinen über eine Wiese zu rennen und eine Mischung aus Handball, Völkerball und Rugby zu spielen, tut’s auch.

Zweitens ist Quidditch in beiden Welten gemischtgeschlechtlich. Anders als beim Fußball, wo es separate Frauen- und Männermannschaften gibt, spielen in der von Rowling erfundenen Sportart alle Spieler*innen unabhängig vom Geschlecht in einem Team. Fußball und Quidditch gehen demnach gewissermaßen Hand in Hand, was die bahnbrechende Popularität angeht, könnten allerdings in manchen Punkten nicht unterschiedlicher sein.

Das Runde muss ins Eckige/Runde

Das fundamentale Prinzip des Fußballs ist relativ simpel: zwei Teams á elf Spieler versuchen einen Ball in das gegnerische Tor zu befördern, wobei nicht ausschließlich der namensgebende Fuß, sondern sämtliche Körperteile außer Hand und Arm verwendet werden dürfen. Kurz: das Runde muss ins Eckige.

Beim magischen Quidditch spielen zwar auch zwei Mannschaften gegeneinander, jedoch verhält es sich mit den anderen Aspekten etwas komplizierter. Zunächst einmal ist die Spieldynamik natürlich eine ganz andere, da die Teilnehmer (sieben pro Team) auf Besen durch die Lüfte fliegen und nicht über einen Rasen spurten. Außerdem muss jede Mannschaft drei Ringe anstatt eines rechteckigen Tores verteidigen. In einer Quidditchpartie gibt es nicht nur einen ledrigen Alleinunterhalter, sondern gleich drei Bälle: der Quaffel dient zur Punkterzielung, indem er durch einen der gegnerischen Torringe befördert wird (was zehn Punkte einbringt); der Klatscher ist ein schwerer, eiserner Ball, der verzaubert wird, um willkürlich Gegner zu attackieren und somit den Spielfluss zu behindern; der Schnatz schließlich ist der spielentscheidende Ball. Die kleine goldene Kugel muss gefangen werden, bevor dies der gegnerischen Mannschaft gelingt. Dies bringt nicht nur 150 Punkte ein, sondern beendet im Normalfall auch die Partie.

Worin sich die beiden Sportarten jedoch wieder ähneln, sind die taktischen Aufgaben der verschiedenen Positionen. Ein Fußballtor wird von einem Torwart, die Quidditchringe von einem Hüter bewacht. Stürmer (Fußball) und Jäger (Quidditch) wiederum versuchen, eben jene menschliche Barriere zu überwinden und den Ball zielgenau zu versenken. Im Fußball sind Verteidiger vorrangig dafür da, die gegnerischen Spieler vom eigenen Kasten fernzuhalten, während im Quidditch die Treiber dafür sorgen, die Teamkollegen vor den gefährlichen Klatschern zu beschützen. Beide Spielertypen erledigen quasi die Drecksarbeit. Das Mittelfeld im Fußball zählt zu den wichtigsten Mannschaftsteilen; als Verbindung zwischen Verteidigung und Angriff gibt es zahlreiche Typen von Mittelfeldspielern: defensive und offensive, Abräumer und Flügelspieler, Ballverteiler und Spielmacher. Aufgrund der Komplexität aber auch wegen der (buchstäblich) zentralen Rolle des Mittelfelds, hängt der Spielausgang nicht selten von der Qualität ebenjener Spieler ab. Und so verhält es sich auch mit dem Sucher beim Quidditch. Dieser Spieler muss ebenso wie ein Mittelfeldstratege im Fußball die Partie lesen und den richtigen Moment abpassen. Seine wichtigste Aktion, das Fangen des Schnatzes, entscheidet den Wettkampf.

1994, Teil 1: Viktor Krum und der Final-Schnatz

Es ist so einfach, wie es wichtig ist: der Sucher einer Mannschaft fängt den Schnatz und das Spiel ist aus. Dies ist sicherlich eine der simpelsten Quidditchregeln und doch birgt sie eine gewisse Brisanz. Das Erzielen eines normalen Tores mit dem Quaffel bringt einer Mannschaft 10 Punkte, das Fangen der kleinen Kugel hingegen exorbitante 150 Zähler. Bei einem halbwegs ausgeglichenen Spiel ist das Erhaschen des Schnatzes dementsprechend gleichzusetzen mit dem Gewinn der Partie. Doch natürlich gibt es auch Fälle, in denen dies nicht so ist.

Dieses Szenario musste Viktor Krum, einer der besten Sucher in der Zauberwelt, über sich ergehen lassen. Bei der Quidditch-Weltmeisterschaft 1994, die auch von Harry Potter und seinen Freunden besucht wurde, standen Krums Bulgaren im Finale der irischen Auswahl gegenüber. Das Team von der grünen Insel war jedoch haushoch überlegen und so führte es nach nicht einmal einer halben Stunde bereits mit 170:10. Zu diesem Zeitpunkt entdeckte der irische Sucher Aidan Lynch den Schnatz und begann, diesen zu jagen. Viktor Krum nahm ebenso die Verfolgung auf und konnte schließlich die spielentscheidende Kugel vor seinem Kontrahenten fangen, besiegelte damit jedoch aufgrund des extremen Rückstandes die Finalniederlage seiner Bulgaren und den Titelgewinn Irlands.

Doch bei genauerer Betrachtung ist dies weder ein Logikloch im Regelbuch, noch eine undurchdachte Tat Viktor Krums. Erstens hatte der irische Sucher den Schnatz bereits gesehen und bei einem solchen Weltklassespieler ist es nur eine Frage der Zeit, bis er den kleinen Ball letztendlich auch fängt. Somit bewies Krum eindrucksvoll, dass er der bessere Sucher von beiden ist. Hätte der Bulgare versucht, das Fangen des Schnatzes hinauszuzögern, wäre ihm sein Gegner wohl zuvor gekommen und das Debakel wäre mit einem Endstand von 320:10 (oder noch höher, da die Iren eindeutig in Torlaune waren) perfekt gewesen. So wurde aus einem desaströsen Ergebnis jedoch eine knappe Niederlage (170:160) und Krum hat gewissermaßen die Würde seines Landes gerettet, indem er Schadensbegrenzung betrieb.

1994, Teil 2: Das verwirrendste Fußballspiel aller Zeiten

Im Fußball gibt es ebenso einige Regeln, die für Verwirrung sorgen können. Mit dem berühmten Abseits oder der Auswärtstorregel wollen wir hier gar nicht anfangen. Stattdessen schauen wir uns ein Szenario an, welches in den vergangenen Jahrzehnten mindestens genau so viele Änderungen durchgemacht, wie es Lehrkräfte für Verteidigung gegen die Dunklen Künsten in Hogwarts gab: die Verlängerung. Diese Extraspielzeit dient dazu, eine Partie zu entscheiden, in welcher nach 90 Minuten oder Hin- und Rückspiel Gleichstand herrscht. In den Neunzigerjahren etablierte sich eine simple Regel für die Verlängerung: das Golden Goal. Mittlerweile wieder abgeschafft, besagte diese Variante, dass jenes Team das Spiel gewinnt, welches innerhalb der maximal 30 Extraminuten das erste Tor erzielt. Klingt einfach, war es auch.

Doch während der Qualifikation zur Karibik-Meisterschaft 1994 wurde das einleuchtende Golden Goal unnötigerweise verkompliziert. Die Sonderregel, die ausschließlich während dieses Turniers Anwendung fand, besagte, dass bei einem Unentschieden eine Verlängerung folgte, das dort entscheidende Tor jedoch doppelt zählte. Und nun bitte hinsetzen und anschnallen, es wird verwirrend.

Zum Abschluss der Qualifikationsgruppe 1 trafen die Mannschaften von Barbados und Grenada aufeinander. Erstere musste das Spiel mit mindestens zwei Treffern Unterschied gewinnen, ansonsten wäre Letztere aufgrund der Tabellenkonstellation eine Runde weiter. Das dritte Team der Gruppe, Puerto Rico, war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschieden.

Im Verlauf der Partie erzielte Barbados exakt die beiden benötigten Tore, doch Grenada schaffte in der 83. Minute den Anschlusstreffer. Nun stand es 2:1, es fehlte wieder ein Tor. Als die Spieler von Barbados drei Minuten vor dem Ende der Partie merkten, dass sie den entscheidenden Treffer nicht mehr erzielen würden, änderten sie kurzerhand die Taktik. Sie wollten sich in die Verlängerung retten, um dort mit dem doppelt gewerteten Siegtreffer die nächste Runde zu erreichen. Doch dazu benötigten sie ein Eigentor, welches ein Verteidiger der Mannschaft schließlich absichtlich schoss. Die Anzeigetafel zeigte jetzt ein 2:2 und es waren nur noch wenige Minuten zu spielen.

Barbados musste dieses Unentschieden nun unbedingt über die Zeit bringen. Grenada allerdings hatte zwei Möglichkeiten, sich in den regulären 90 Minuten für die nächste Runde zu qualifizieren. Entweder mussten sie den Ball im gegnerischen Tor versenken, um so das Spiel mit 3:2 zu gewinnen und weiterzukommen; oder sie erzielten ebenfalls ein absichtliches Eigentor, um zwar mit 2:3 zu verlieren, aufgrund der Gruppenkonstellation jedoch trotzdem Erster zu werden. Den Spielern aus Grenada war es demnach völlig egal, in welchem Tor das Spielgerät landete, dessen waren sich auch die Mannen aus Barbados bewusst. Und so musste ebendieses Team in der Schlussphase der Partie beide Tore gleichzeitig verteidigen, um das Unentschieden zu halten – ein Novum in der Fußballgeschichte. Doch das wahrhaft kuriose dabei war: Barbados gelang es in den verbleibenden Minuten tatsächlich, sowohl den eigenen als auch den gegnerischen Kasten sauber zu halten, rettete sich in die Verlängerung und erzielte dort den goldenen Doppeltreffer zum 4:2-Endstand. Das Team qualifizierte sich für die Endrunde der Karibik-Meisterschaft, schied dort allerdings frühzeitig aus. Das Experiment des zweifach zählenden Golden Goals wurde übrigens nach diesem denkwürdigen Spiel nie wieder angewendet.

Knochenbrüche und Verwünschungen

In den Regeln getrennt, in der Verwirrung vereint, könnte man nach diesem Exkurs der Konfusion resümieren. Jedoch muten auch die Bewertungen von Fouls und Flüchen in beiden Sportarten mitunter etwas seltsam an. Klar, bei Fouls denkt man an körperliche Vergehen im Fußball, bei Flüchen an schadende Zaubersprüche beim Quidditch. Beides ist verboten, beides erscheint logisch. Ein Fußballspieler darf seinen Gegner nicht mit unfairen Mitteln vom Ball trennen oder anderweitig attackieren. Überharter Körperkontakt ist strengstens untersagt und wird vom Schiedsrichter je nach Art des Vergehens geahndet. Das gleiche gilt für magische Beschwörungen im Quidditch. Den Teilnehmern ist es nicht gestattet, ihren Zauberstab während eines Spiels zu benutzen, um Kontrahenten, Unparteiische, Zuschauer oder Bälle zu beeinflussen.

Wie sieht es aber umgekehrt aus? Quidditch ist nicht gerade dafür bekannt, ein Sport für Zartbesaitete zu sein. Auch wenn es im Regelbuch einige Verbote bezüglich körperlicher Härte gibt, stehen die meisten Vergehen nicht mit herkömmlichen Fouls in Verbindung. Knochenbrüche und anderweitige Verletzungen, traumatische Erlebnisse, verschollene oder in seltenen Fällen gar tote Spieler; das alles kann beim Quidditch vorkommen. Das Regelwerk scheint diesen schlimmen Ereignissen keinen Riegel vorzuschieben und somit hat Quidditch den Ruf als zauberfreies, aber brutales Spiel redlich verdient.

Und Flüche im Fußball unserer realen Welt? Dazu gibt es eine spannende Geschichte. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert, denn nach dem Verständnis der meisten Menschen sind Flüche in unserer Welt kein so wirksames Mittel wie bei Harry Potter. Viele glauben nicht an die Existenz von Zauberei und bewahrheitet sich eine vermeintliche Verwünschung doch einmal, so hängt dies eher mit Zufall, dem Placebo-Effekt oder der sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung zusammen. Von daher gibt es keinen rationalen Grund, Flüche zum verbotenen Mittel im Fußball zu deklarieren.

Und deshalb kommt es immer wieder vor, dass Spieler ihre Gegner mit einem Fluch zu belegen versuchen. Erst im März diesen Jahres traf es den Dortmunder Stürmer Erling Haaland. Beim Champions-League-Spiel gegen den FC Sevilla trat der Norweger zum Elfmeter an… und verschoss. Kurz zuvor war aus den Reihen der Kontrahenten immer wieder das Wort Kiricocho zu hören. Dies beschreibt in der spanischsprachigen Welt einen Fußballfluch, der dem Gegner Pech bringen soll.

Prominentes Opfer des Kiricocho-Fluchs: Erling Haaland (hier noch als Spieler von RB Salzburg)
Urheber: Werner100359, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Seinen Ursprung hat der Ausspruch in Argentinien. Kiricocho war der Name eines Fans von Estudiantes de la Plata, der früher gern das Training seiner Lieblingsmannschaft besuchte. Doch immer, wenn er anwesend war, kam es zu Verletzungen von Spielern. Der damalige Trainer des Teams, ein abergläubischer Mann namens Carlos Bilardo, nutzte dies aus und belegte vor jedem Heimspiel der Saison 1982 die Gegner mit dem Kiricocho-Fluch. Estudiantes verlor kein einziges Spiel, vor welchem der Fluch ausgesprochen wurde, und kürte sich am Ende der Saison zum Meister.

Über die Jahre hat sich die Verwünschung vor allem im spanischsprachigen Raum verbreitet und soll angeblich auch am fatalen Fehlschuss Arjen Robbens im WM-Finale 2010 verantwortlich sein. Der Niederländer lief allein auf den spanischen Torwart Iker Casillas zu, als der Abwehrspieler Joan Capdevila Kiricocho rief. Robben vergab die Chance, später traf Andrés Iniesta in der Verlängerung und bescherte Spanien den ersten und bislang einzigen WM-Titel.

Und so gelang es also auch den Spielern des FC Sevilla, die Elfmetergroßchance von Erling Haaland durch den Kiricocho-Fluch zu vereiteln. Allerdings musste der Strafstoß aufgrund einer Regelwidrigkeit wiederholt werden, wieder wisperten die Spanier das unheilvolle Wort, doch beim zweiten Versuch versenkte der Dortmunder Torjäger den Ball im Netz. Man sollte eben auch das eigene Zauberglück nicht überstrapazieren – das gilt sowohl für die magische Welt von Harry Potter als auch für die irdischen Fußballstadien.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

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