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Ausgabe 5Leitartikel

THANOS – DER HELD UNTER DEN SCHURKEN?

Seit Menschengedenken drehen sich Erzählungen und Geschichten um den Kampf zwischen Gut und Böse. Unerschrockene Held*innen treffen auf fiese Schurk*innen. Die Motive beider Seiten sind im Normalfall grundverschieden, doch mitunter kommt es vor, dass die tatsächlichen Absichten diffus bleiben; sowohl bei den Guten als auch bei den Bösen. Bei einem der markantesten Antagonisten der jüngeren Vergangenheit, dem wahnsinnigen Titanen Thanos, gestaltet sich die Einordnung des Motivs als besonders schwierig und es drängt sich die Frage auf, ob der ultimative Superschurke des Marvel-Universums vielleicht doch gar nicht so abgrundtief böse ist wie es scheint.

Im Jahr 2008 stellte Iron Man den Startpunkt für das aktuell erfolgreichste Film-Franchise der Geschichte dar: das Marvel Cinematic Universe. In der ersten Phase dieses Megaprojekts wurde Schritt für Schritt (zunächst lediglich in kryptischen Post-Credit-Szenen) der große Gegenspieler der Avengers auf die Bühne des Geschehens geholt. Die Rede ist von Thanos, einem mächtigen Titanen mit gottgleicher Macht und einem grausamen Gefolge.

Lange Zeit blieben die Motive des Superschurken unklar. Später wurde bekannt, dass er versuchte, alle sechs Infinity-Steine für sich zu beanspruchen. Bei diesen Kristallen, die während des Urknalls entstanden sind, handelt es sich um die mächtigsten Objekte im Universum. Jeder Stein schimmert in einer anderen Farbe und trägt eine bestimmte kosmische Kraft in sich, die von demjenigen kontrolliert werden kann, der ihn beherrscht: Raum (blau), Zeit (grün), Realität (rot), Gedanken (gelb), Macht (violett) und Seele (orange). Werden alle Steine in einem eigens dafür gefertigten goldenen Handschuh vereint, macht dies den Träger quasi allmächtig, da er nun über die gebündelte Kraft der einzelnen Kristalle verfügt.

Um an das Sextett kosmischer Superwaffen zu gelangen, schloss Thanos unter anderem Pakte mit den Bösewichten Loki und Ronan, attackierte die Erde mit einer Chitauri-Armee und plante die Zerstörung des extrem fortschrittlichen Planeten Xandar. Doch erst gegen Ende der sogenannten Infinity-Saga wurde deutlich, welches Ziel Thanos verfolgt. Mit der Vereinigung aller Steine möchte er die Hälfte allen Lebens im Universum auslöschen.

Was wollen Voldemort, Palpatine und Sauron?

Um die Motive von Thanos besser einordnen zu können, wollen wir zunächst einen Vergleich zu anderen prominenten Bösewichten aus Fantasy und Science-Fiction ziehen und genauer betrachten, welche Ziele diese haben. Der Hauptantagonist der Harry-Potter-Reihe, der dunkle Lord Voldemort, ist bekannt für seine fanatische, hasserfüllte Ideologie. Als Nachfahre von Salazar Slytherin, einem der vier Hogwarts-Gründer, hat er dessen Vorstellung einer reinblütigen Magierschaft zu seiner unumstößlichen Agenda auserkoren. Nur diejenigen mit einer vollkommen magischen Abstammung seien der Zauberei würdig. Muggel (nicht-magische Menschen) sowie muggelstämmige Hexen und Zauberer sollen laut Voldemorts Weltanschauung systematisch ausgegrenzt, unterdrückt oder im schlimmsten Fall eliminiert werden. Er sieht reinblütige Magier*innen, insbesondere sich selbst, als rechtmäßige Herrscher*innen sowohl über die Zauber- als auch die Muggelwelt an. Im Laufe der Zeit wurde Voldemort zu einem der mächtigsten Zauberer der Geschichte. Mithilfe von schwarzer Magie, tödlichen Flüchen und einer brutalen Anhängerschaft verübte er grausame Taten und zettelte zwei Kriege an, um seine Ziele zu erreichen.

Im Universum von Star Wars startete Sheev Palpatine seine politische Karriere auf seinem Heimatplaneten Naboo. Schon früh strebte er nach Macht und Einfluss, jedoch wurde er erst durch den Sith-Lord Darth Plagueis zum Fanatiker. Plagueis weihte Palpatine in die Künste der dunklen Seite ein, fand später jedoch den Tod durch die Hand seines eigenen Schülers. Unter dem Namen Darth Sidious wurde Palpatine selbst zu einem mächtigen Sith-Lord, erarbeitete sich jedoch parallel durch Manipulation und Korruption unerkannt den Kanzlerposten der Galaktischen Republik. Mithilfe eines eigens inszenierten Krieges verwandelte er das demokratische Planetenbündnis in eine autoritäre Diktatur und herrschte fortan als despotischer Imperator über die Galaxis. Gemeinsam mit seinem korrumpierten Schüler Darth Vader verbreitete er jahrzehntelang Angst und Schrecken und verfolgte das Ziel, die volle Macht der dunklen Seite zu entfesseln und als Sith-Lord sämtliche Welten zu beherrschen.

Der Todesstern war die mächtigste Waffe des Imperators. Er konnte ganze Planeten zerstören.

Sauron ist der ultimative Feind Mittelerdes in Der Herr der Ringe. Einst diente er dem Valar Melkor, einem gottgleichen Wesen, welches quasi die Inkarnation des Bösen darstellte. Nach dem Fall seines Meisters übernahm Sauron dessen Position und tyrannisierte die freien Völker der Menschen, Elben und Zwerge. In früheren Zeitaltern erreichte er vor allem mit List und Tücke seine Ziele. So schmeichelte er, getarnt als Gesandter der Valar, den Herrschern anderer Völker und überreichte ihnen die Ringe der Macht als Geschenke. Durch das heimliche Schmieden eines Meisterringes wollte er die anderen Ringträger unter seine Herrschaft zwingen, was jedoch nur bei den leicht zu verführenden Menschen gelang. Später trat Sauron offen als dunkler Herrscher und Feind von Mittelerde auf. Sein Motiv ist schlicht und ergreifend die absolute Unterwerfung allen Lebens unter seine Macht. Er giert nach Zerstörung sowie der furchtsamen Verehrung durch seine willenlosen Untertanen. Sauron sieht sich als Gott, dazu bestimmt, alles und jeden zu beherrschen oder zu vernichten.

Bricht man die Motive der eben genannten Bösewichte auf das Minimum herunter, so streben alle nach Macht, Herrschaft und Zerstörung. Sie lechzen danach, andere zu unterwerfen und ihnen die eigene Doktrin gewaltsam einzutrichtern. Brutale Gefolgsleute (Todesser), mörderische Waffen (Todesstern) oder gigantische Armeen (Orkheerscharen) dienen meist dazu, die Schurken samt Anhang als unbesiegbar und über alle Maßen skrupellos darzustellen. Allein ihr Anblick erzeugt meist Angst und Abscheu zugleich. Nur durch Schwachstellen oder die unbedingte Zusammenarbeit aller Protagonist*innen gelingt es letztendlich die überwältigende Stärke des Feindes zu brechen.

Was Thanos anders macht

Selbstverständlich ist nicht jeder Bösewicht einfach nur böse. Häufig stehen tragische Schicksale oder gescheiterte Hoffnungen am Anfang einer Schurkenkarriere, beispielsweise bei Darth Vader, dem Joker, Davy Jones oder Cruella De Vil. Und so ist auch die Geschichte von Thanos dramatisch: er wurde aufgrund einer Mutation deformiert geboren und galt seit jeher als Außenseiter unter seinesgleichen. Dennoch lagen ihm seine Spezies und seine Heimatwelt Titan am Herzen. Thanos erkannte, dass wachsende Überbevölkerung und Ressourcenknappheit den Planeten an den Rand der Vernichtung bringen würden. Um die Titanen vor der Auslöschung zu bewahren, schlug er einen randomisierten Genozid vor. Er wollte zufällig die Hälfte aller Einwohner*innen töten lassen, um so den Übrigen eine bessere Zukunft zu garantieren. Sein Plan wurde (aus nachvollziehbaren Gründen) als zu radikal eingestuft und Thanos gilt seitdem als wahnsinnig.

Seine Prophezeiung vom Untergang Titans traf jedoch ein und es kam zu einem katastrophalen Kollaps. Die Titanen starben aus und die einst grüne Welt wurde zu einer trostlosen Wüste. Um das Universum vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, schmiedete Thanos seinen Plan von der zufälligen Eliminierung der Hälfte allen Lebens, welchen er letztendlich durch die Kraft der Infinity-Steine in die Tat umsetzen wollte. Mit allen sechs Steinen im eigens dafür angefertigten Handschuh müsste Thanos nur einmal mit den Fingern schnipsen, um seinen Wunsch zu erfüllen. Schmerzfrei würden auf einen Schlag Billionen von Seelen aus dem Universum verschwinden und der Rohstoffmangel wäre, zumindest vorübergehend, überwunden. Dieser, aus seiner Sicht, Akt der Gnade sollte alles ins Gleichgewicht bringen und danach könne er sich zufrieden zur Ruhe setzen.

Thanos sieht sich, wie die meisten Bösewichte, als Held der eigenen Geschichte. Und betrachtet man nur sein reines Motiv – die Rettung der vielfältigen Spezies und Welten des Universums – kann dies durchaus als heldenhaft eingestuft werden. Per Definition zeichnet sich ein*e Held*in durch unerschrockenen Mut und außergewöhnliche Tapferkeit bei der Bewältigung einer schweren Aufgabe aus. Und schwer ist die Aufgabe, der sich Thanos widmet, allemal. Mehr noch: Thanos‘ Absichten sind selbstlos und gerecht, vor allem in Relation zu seinen Schurkenkollegen.

Voldemort möchte die Welt nach seiner rassistischen Ideologie umformen und bestimmte Gruppen systematisch diskriminieren und auslöschen. Thanos behandelt alle gleich, indem er die neue Ordnung des Universums auf dem Prinzip des Zufalls aufbauen möchte. Er achtet nicht auf soziale Stellung, Herkunft oder Religion. Palpatine strebt danach, seine eigene Macht grenzenlos auszuweiten und unvorstellbare Kräfte freizusetzen. Thanos hätte mit allen Infinity-Steinen ebenso unermessliche Fähigkeiten erlangen können, doch verwendet er sie nicht, um selbst stärker zu werden. Er ist bereit, diese unvorstellbare Macht für das Wohl anderer zu opfern. Saurons Agenda sieht eine gnadenlose Unterdrückung und Vernichtung sämtlichen Lebens vor, um gottgleich herrschen zu können. Er möchte Schöpfung zerstören. Thanos hat vor, sich nach der Herstellung des Gleichgewichts im Universum zur Ruhe zu setzen und den neu geschaffenen Frieden zu genießen. Er möchte Schöpfung bewahren.

Der Schurkenweg zum Heldenziel

Thanos‘ Ziel mag selbstlos und gerecht sein, doch neben seiner gepredigten Harmonie fällt ebenso seine abnormale Brutalität auf. Auf seinem Weg zur ultimativen Rettung des Universums geht der wahnsinnige Titan buchstäblich über Leichen. Bevor Thanos alle Infinity-Steine gesammelt hatte, schlachtete er eigenhändig und mithilfe grausamer Gefolgsleute die Hälfte aller Bewohner*innen ausgewählter Planeten ab. Dabei ging er zwar nach dem viel gepriesenen Zufallsprinzip vor, dennoch war er für dutzende Genozide verantwortlich. Auch bei der Beschaffung der Infinity-Steine kannte Thanos keine Gnade und ging mit äußerster Brutalität vor. Er steht damit anderen Bösewichten in nichts nach und übertrifft manche sogar an Grausamkeit.

Was jedoch noch viel entscheidender ist: Thanos wählt eine per sé brutale Methode für ein eigentlich hehres Ziel. Er bekämpft Überbevölkerung und Ressourcenmangel mit dem Auslöschen von Lebewesen. Mit der Macht der Infinity-Steine hätte er jedoch auch unendliche Rohstoffmengen, zusätzliche Welten, optimierte Energiequellen oder eine Revolution im Konsumverhalten erzeugen können. Ein randomisierter Völkermord ist sicherlich keine geeignete Methode, um diesem Problem Herr zu werden. Abgesehen von der unbeschreiblichen Brutalität ist es auch nicht weitsichtig genug, denn sobald sich die Populationen erholt hätten, würde der Zyklus von Neuem beginnen.

Das Motiv des großen Marvel-Antagonisten ist vielschichtiger als in anderen berühmten Werken aus Fantasy und Science-Fiction. Es greift ein komplexes Thema auf, welches auch für die reale menschliche Gesellschaft relevant ist und triggert bewusst Gefühle, die häufig ausgeblendet oder ignoriert werden. Die wachsende Bevölkerung unserer Erde und die damit einhergehende Rohstoffknappheit sind eines der fundamentalsten Probleme der Gegenwart. Die Menschen müssen sich, ebenso wie Thanos, Gedanken darüber machen, wie diese prekäre Situation entschärft werden kann, ansonsten droht unserer Welt, ebenso wie Titan, der Kollaps.

Normalerweise ist es die Aufgabe der Protagonist*innen eines fiktiven Werkes, sich einer solchen Problematik anzunehmen, doch im Marvel-Universum übernimmt der große Gegenspieler diese Rolle. Durch seine Brutalität und Grausamkeit zeigt er zwar keine ernstzunehmenden Optionen für die Situation auf, allerdings können wir von Thanos lernen, ein fundamentales Problem der Menschheit nicht zu ignorieren. Stattdessen sollten wir gemeinsam einen Heldenweg finden, um es zu lösen.

Im Jahr 1000 lebten schätzungsweise 0,3 Milliarden Menschen auf unserer Erde. Aktuell sind es ungefähr 7,9 Milliarden, im Jahr 2100 soll die Weltbevölkerung rund 10,9 Milliarden Menschen betragen.
Quelle der Daten: United Nations Department of Economic and Social Affairs.

Emily ist gelernte Physiotherapeutin und Mutter eines zweijährigen Sohnes. Zur Zeit studiert sie Trainings-, Lehr-, und Lernpsychologie und Staatswissenschaften an der Universität Erfurt. Sie ist der Ursprung, weshalb die eigene Familie sich nun ausgiebig mit Fantasy-Welten beschäftigt.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Feige, Kevin (seit 2018): Marvel Cinematic UniverseTolkien, J. R. R. (1954/1955): Der Herr der RingeRowling, J. K. (1997-2007): Harry PotterLucas, George (seit 1977): Star WarsUN Department of Economic and Social Affairs

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