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Ausgabe 3Leitartikel

VON GÖTTERN UND SUPERHELDEN

Die nordische Mythologie als Comicvorlage

Thor mit seinem mächtigen Hammer Mjölnir, kriegerische Walküren auf dem Schlachtfeld, furchteinflößende Frostriesen, Odins Raben, Ragnarök, Walhalla. Die nordische Mythologie ist durch vieles bekannt. Die meisten Menschen können mindestens eine Figur, einen Ort oder eine Erzählung mit der skandinavischen Sagenwelt assoziieren, und sei es aufgrund der zeitgenössischen Superhelden-Adaption von Marvel. Doch die Mythen des Nordens sind natürlich mehr als eine Vorlage für moderne Leinwandgötter, auch wenn sie dadurch zuletzt in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt sind.

Um zu definieren, was die nordische Mythologie eigentlich ist, bedarf es lediglich dreier Schlagwörter: Skandinavien, Mythen, vorchristliche Zeit. Bevor die germanischen Völker Nordeuropas (Dänen, Schweden, Norweger) ab dem 10. Jahrhundert schrittweise christianisiert wurden, war das, was wir heute als nordische Mythologie kennen, die bestimmende Weltanschauung dieser Gruppen. Gemeinhin als Wikinger bekannt, besaßen diese Menschen eine mythisch-kulturelle Tradition, bestehend aus Göttervorstellungen, sozioreligiösen Bräuchen und einer Vielzahl an Sagen und Legenden.

Schwierig ist nur, die Echtheit der nordischen Mythen zu verifizieren, da erstens ihre Entstehung und authentische Praktizierung bereits Jahrhunderte in der Vergangenheit liegen und zweitens die meisten heute erhaltenen Quellen sekundär sind. Originale Überlieferungen aus dem vorchristlichen Skandinavien findet man kaum, meistens stammen die Erzählungen aus der Römerzeit oder es handelt sich um Werke, die nach der Christianisierung Nordeuropas entstanden.

Auch die wohl wichtigste Quelle nordischer Mythen, die Prosa-Edda, wurde von dem isländischen Skalden (Dichter) Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert in einem bereits christlichen Umfeld verfasst. Sein Hauptbeweggrund für die Verschriftlichung der Sagen und Legenden geschah jedoch weniger aus Glaubensüberzeugung, sondern vielmehr mit dem Hintergedanken, die altnordische Poetik und Metrik zu bewahren. Dennoch finden wir in Snorris Werk die wichtigsten Eckpfeiler des damaligen Weltbilds.

Riesen, Wanen und Asen

Götter sind nicht gleich Götter. Die nordische Mythologie basiert auf einer Dreiteilung von götterähnlichen Wesen. Die ältesten Geschöpfe sind die Riesen (mitunter Frost- und Feuerriesen), die als böse Ungeheuer die Macht besitzen, katastrophale Ereignisse und sogar den Untergang der Welt herbeizuführen. Das zweite Göttergeschlecht, die Wanen, sind für das Gleichgewicht im Kosmos verantwortlich, gelten als weise, gerecht und mutig. Sie stehen für ursprüngliche Dinge wie Fruchtbarkeit und Wohlstand, allerdings sind sie nicht stark genug, um sich gegen die urgewaltigen Riesen zu behaupten. An dieser Stelle kommen die Asen ins Spiel, die zwar von geringerer Macht als die Wanen sind, jedoch als tapfere und widerstandsfähige Krieger bekannt sind.

Die nordischen Götter in Walhalla (Emil Doepler)

Aus den Reihen der Asen stammen die prominentesten Götterfiguren der nordischen Mythologie. Neben Odin und Thor zählen unter anderem Frigg (Himmelsgöttin), Heimdall (Wächter der Götter), Balder (der Leuchtende) und Forseti (Gott der Gerechtigkeit) zu diesem Geschlecht. Von den Wanen werden nur wenige namentlich erwähnt, die bekanntesten Mitglieder sind das Geschwisterpaar Freya (Liebesgöttin) und Freyr (Gott des Regens und Sonnenscheins), die allerdings seit einem Tauschhandel unter den Göttern bei den Asen leben. Freya wird auch eine besondere Rolle in der Jenseitsvorstellung zuteil. Wenn Krieger in einer Schlacht getötet werden, geleiten die Walküren die würdigsten unter ihnen zu Odins Heimstatt Walhalla. Die Hälfte der gefallenen Kämpfer steht allerdings Freya zu und verbringt ihr Leben nach dem Tod in deren Palast Folkwang.

Odin, Thor und Loki

Wie in vielen anderen Mythologien oder polytheistischen Religionen steht im altnordischen Glauben ein Schöpfergott und Allvater an der Spitze des Pantheons: Odin. Auch wenn er als Ursprung von Göttern und Menschen gilt, ist er nicht das älteste Wesen des nordischen Kosmos. Gemeinsam mit seinen Brüdern Vili und Vé (die in späteren Überlieferungen kaum noch eine Rolle spielen) zog er aus, um eben jenes ursprüngliche Geschöpf, den Riesen Ymir zu erschlagen und aus seinem Leichnam die Welt zu formen. Die drei Asen waren auch für die Erschaffung des ersten Menschenpaares, Ask und Embla, aus dem Holz zweier angespülter Baumstämme verantwortlich.

Odin ist jedoch nicht nur die nordische Hauptgottheit, sondern auch für Krieg und Tod, Poesie und Runen sowie Magie und Ekstase verantwortlich. Diese vielseitigen Aufgabengebiete machen ihn zu einem der komplexesten Figuren der Mythologie des vorchristlichen Skandinaviens. Zahlreiche Beinamen und die unterschiedlichsten Erscheinungen machen die facettenreiche Charakterisierung Odins deutlich. Mal tritt er als alter, bärtiger Wanderer, mal als heroischer Kriegsheld auf.

Odin als Wanderer (links, Georg von Rosen) und als kriegerischer Herrscher und Gott, mit seinen Begleitern (rechts, Johannes Gehrts)

Dennoch lassen sich einige Attribute fest mit dem Allvater verknüpfen. Sein achtbeiniges Pferd Sleipnir ist ebenso prominent wie seine Begleiter, einerseits die Raben Hugin und Munin, welche ihm als Boten und Spione stets die neusten Informationen aus aller Welt übermitteln; andererseits die Wölfe Geri und Freki, die ihm bei der Jagd unterstützen. Ebenso Odins Selbstopfer zur Steigerung seiner Macht und Weisheit ist legendär: so übergibt er dem Riesen Mimir eines seiner Augen, um die Gabe des Hellsehens zu erlangen.

Odin hat laut Überlieferung einige Kinder, unter denen eines besonders hervorsticht: groß, kräftig, stark, energisch; so wird Thor, der Gott des Donners beschrieben. Er ist wohl die einzige Figur der nordischen Mythologie, die noch bekannter und in einigen Aspekten auch mächtiger als der Allvater ist. Für die Menschen ist er der Beschützer ihrer Welt Midgard, für Seefahrer der Herr über das Wetter, für die bösartigen Frostriesen ein uralter Erzfeind.

Thor wird in den Mythen eine gewisse Grausamkeit nachgesagt, er erfüllt die meisten Lebewesen mit Angst. Wenn er mit seinem Wagen donnernd über die Wolken rollt, erzeugt dies das charakteristische Gewitter, welches den Gott ankündigt und überall Furcht verbreitet. Mit einem Kraft spendenden Gürtel (Megingiard) und Eisenhandschuhen (Jarngreipr) ausgestattet, ist er nahezu unbesiegbar, doch erst sein Hammer Mjölnir macht ihn zu dem gefürchtetsten unter den Göttern. Diese Kriegswaffe verfehlt nie sein Ziel und kehrt stets zu Thor zurück, wenn dieser ihn nach seinen Feinden wirft. Nicht selten wird berichtet, wie der Donnergott seine Widersacher, vor allem Riesen, mit seinem Hammer zermalmt.

Etwas subtiler mit seiner Angriffstaktik ist Loki unterwegs. Der Sohn von Riesen (und deshalb manchmal nicht zu den Asen gerechnet) ist bekannt für seine Hinterlist, Täuschung und Lügen. Er ist mit Abstand die ambivalenteste Figur der nordischen Mythologie, was schon durch seine zweifelhafte Zugehörigkeit deutlich wird. Zum einen unterstützt er häufig die Götter, insbesondere Thor, auf deren abenteuerlichen Reisen und Kriegszügen, zum anderen ist er auch aktiv für den Tod von Balder, dem friedlichsten und schönsten aller Asen, verantwortlich.

Loki hat laut Überlieferung einige durchaus seltsam anmutende Kinder, so unter anderem Odins Pferd Sleipnir, aber auch die Totengöttin Hela, den Fenriswolf und die Midgardschlange. Die drei letztgenannten Geschöpfe gelten in der Mythologie als Erzrivalen der Asen und Weltfeinde. Zu einem solchen endgültigen Widersacher wird schließlich auch Loki, da er in der großen Schlacht am Ende aller Tage (Ragnarök) auf der Seite von Ungeheuern und Riesen gegen die Götter kämpft.

Vom mythologischen Buch zum actiongeladenen Blockbuster

Was die Prosa-Edda für die Menschen des Mittelalters war, ist das Marvel Cinematic Universe für moderne Rezipienten – überspitzt formuliert. Selbstverständlich sind die beiden Werksammlungen in nahezu allen Aspekten unterschiedlich, dennoch eint sie ihr Zweck: Geschichten und Erzählformen unter das Volk bringen. Und egal ob mittelalterliche Schrift oder zeitgenössischer Film – bei beiden Kunstformen schmücken die Autoren aus und bedienen sich gewisser Elemente, um das Werk epischer, ansehnlicher, verständlicher, zeitgemäßer zu machen.

Nicht nur das MCU ist demnach Fiktion, sondern höchstwahrscheinlich auch Großteile der Prosa-Edda, wo es zwar mit Sicherheit reale Vorbilder für Figuren, Orte, Gegenstände und Sagen gab, aber aus wissenschaftlicher Sicht wird wohl kaum jemand ein weltumspannendes Reptil wie die Midgardschlange für real halten. Dennoch kann es interessant sein, zu untersuchen, wie das hochmoderne Marvel-Franchise sich an der mythologischen Vorlage hält und es schafft, zwei derart konträre Welten miteinander zu verknüpfen.

Vom Gott zum Avenger

Auf den ersten Blick erscheint die Inklusion eines mythischen Gottes in die schillernde Welt der Superhelden etwas skurril. Doch bei näherer Betrachtung ist dies gar nicht so abwegig, schließlich sind antike Helden und Gottheiten sowohl Inspirationsquelle als auch Vorreiter für jene übernatürlichen Fanlieblinge der modernen Popkultur. Und neben Hexen (Wanda/Scarlet Witch) und Magiern (Dr. Strange) sind Götterfiguren wie Thor und Loki nicht die einzigen Charaktere des MCU, die man eher in das Fantasy-Genre anstatt in den Dunstkreis von Science-Fiction einordnen würde.

Im August 1962 tauchte Thor zum ersten Mal in einem Comic von Marvel auf, im Filmuniversum porträtierte Chris Hemsworth den nordischen Gott bereits in acht Filmen. Außerdem ist er ein Gründungsmitglied der legendären Avengers. Thor ist demnach nicht nur einer unter vielen, sondern gehört zu den populärsten Marvel-Superhelden überhaupt. Und wenn man sich die Comics oder Filme mit nordisch-mythischer Beteiligung anschaut, so scheint es auf den ersten Blick eine ziemlich detailgetreue Adaption zu sein (den Science-Fiction-Faktor mit Raumschiffen und Laserwaffen klammern wir natürlich von vornherein aus).

Thor: zwischen mythischen Gott und modernem Comicheld

Allvater Odin trägt eine Augenklappe, die Götter residieren in Asgard, die Menschen leben in Midgard, es existieren Walküren und Riesen, Lokis Charakter verschwimmt zwischen gut und böse… In der Tat übernahm Marvel zahlreiche Figuren, Orte und Handlungsstränge relativ originalgetreu, auch was die Figur Thor angeht. So wählen sowohl der Gott als auch der Avenger lieber Kraft vor Verstand und sein Ruf als enorm starker Held eilt ihm in beiden Universen donnernd voraus. Einen gewissen Hang zur Brutalität kann ebenso beiden Versionen nicht abgestritten werden, da muss man nur die Frostriesen fragen, die als Erzfeinde Thors in allen Welten die Leidtragenden seiner Macht sind.

Der Hammer und die Familie

Doch natürlich gibt es auch einige Unterschiede zwischen der mythologischen Vorlage und dem Superheld. Während unzählige Fans dem Marvel-Look von Thor mit blonden Haaren verfallen sind, wird der Gott in den mittelalterlichen Überlieferungen eindeutig als rothaarig und -bärtig beschrieben. Auch bezüglich seiner Accessoires besitzt der Herr des Donners zwar in beiden Varianten den legendären Hammer Mjölnir, jedoch wurde in der Filmadaption zugunsten eines Superhelden-Capes auf Gürtel und Handschuhe verzichtet, die Thor eigentlich erst sein volles Kraftpotential ausschöpfen lassen.

Bei Mjölnir selbst stoßen wir ebenfalls auf einige Ungereimtheiten. Im MCU ist fester Bestandteil des Kanons, dass nur derjenige den Hammer heben und benutzen kann, der sich als würdig genug erweist. Fast schon inflationär wird dieses Thema in diversen Filmen aufgegriffen und zahlreiche Charaktere versuchen sich an dieser scheinbar unmöglichen Herausforderung. Es gelingt letztendlich Vision (mit absoluter Leichtigkeit) und Captain America (in der finalen Schlacht gegen Thanos), Mjölnir zu führen, während ihn die Antagonistin und Todesgöttin Hela in Thor: Tag der Entscheidung sogar pulverisieren kann.

In der Mythologie scheint der Hammer unzerstörbar zu sein, jedoch hat das Führen dieser mächtigen Waffe nichts mit Würde, sondern einzig und allein mit physischer Kraft zu tun. Und neben Thor existiert im nordischen Kosmos kaum ein Wesen, welches ansatzweise stark genug ist, um Mjölnir anzuheben. Lediglich vom Riesen Thrymr wird berichtet, dass dieser den Hammer einst stahl, um ihn gegen Freya als Braut einzutauschen. Thor überlistet jedoch das Ungeheuer, indem er sich als die geforderte Göttin verkleidet und sich so gemeinsam mit Loki seine Waffe zurückholt, den Dieb Thrymr mit selbiger anschließend erschlagend. Weiterhin ist Mjölnir im nordischen Mythos kein Objekt, welches Thor magische Flugfähigkeiten verleiht, wie es bei Marvel der Fall ist. Vielmehr ist der ursprüngliche Gott nur durch seinen Wagen, gezogen von den beiden Ziegen Tanngnjostr und Tanngrisnir, in der Lage, durch die Lüfte zu donnern.

Da wir bereits auf Odin, Loki und Hela eingegangen sind, wollen wir abschließend noch kurz einige familiäre Verwirrungen entwirren, denn die Verhältnisse und Beziehungen des Hemsworth-Thors zu seinen Weggefährten und Rivalen unterscheidet sich mitunter gewaltig von seinem mythischen Pendant. Ja, Odin ist Thors Vater und Frigg seine Mutter – in beiden Universen. Doch bei Loki schleicht sich bereits der erste Fehler ein. Sowohl in der Mythologie als auch bei Marvel ist der ambivalente Trickster zwar der Sohn von Riesen, allerdings gilt er in den Überlieferungen des alten Nordens als der Stiefbruder von Odin und nicht dessen Adoptivsohn. Das angespannte Bruderverhältnis zwischen Thor und Loki ist demnach von Marvel frei erfunden, zugegebenermaßen jedoch ein wichtiger und interessanter Punkt innerhalb des Franchises. Auch Hela, die Gegenspielerin Thors in seinem dritten Solofilm, ist in der Vorlage nicht seine Halbschwester, sondern wie zuvor erwähnt die Tochter Lokis. Schaut man sich die Handlung und die Besetzung der Figuren im MCU an, versteht man jedoch durchaus die Abänderung der Familienverhältnisse für dramaturgische Zwecke in den Filmen.

Held für alle und Liebling der Massen

Neben diesen Unterschieden und Abweichungen gibt es zahlreiche weitere – mal kleine, mal große – Differenzen. Dies liegt natürlich in der Natur der Sache begründet, denn die nordische Mythologie ist nun mal ein altes Relikt aus Überlieferungen und Traditionen, während das MCU ein modernes Leindwandmeisterwerk ist. Die Anforderungen und Ansprüche dieser beiden Werke könnten nicht weiter auseinander liegen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet können wir die Änderungen verschmerzen und häufig sogar als gelungene Anpassung begrüßen.

Die Tatsache, dass Thor neben Iron Man und Captain America der einzige Avenger ist, der drei Solofilme bekommen hat und 2022 sogar ein vierter Teil erscheint, zeigt eindeutig auf, dass der göttliche Superheld zu den beliebtesten Marvel-Charakteren überhaupt gehört. Auf der anderen Seite ist wohl kein nordischer Gott so populär wie der Herr des Donners, auch schon bevor sein Pendant über die Leinwände flog. In jeglicher Hinsicht scheint Thor demnach ein Held für alle und Liebling der Massen zu sein. Die Diskrepanzen zwischen Mythologie und Blockbuster bringen übrigens auch einen direkten Vorteil mit sich: so können wir als wissbegierige Fans in zwei verschiedene Universen eintauchen und uns individuell entscheiden, welcher Thor uns besser gefällt.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Wilkinson, Philip; Philip Neil (1998): Mythen & SagenSturluson, Snorri: Prosa-EddaFeige, Kevin (seit 2008): Marvel Cinematic UniverseScreen RantGame RentCBR

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