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Ausgabe 2Sport ist Mord

ZAUBERSCHACH

Zwischen strategischem Sport und brutalem Brettspiel

Schach ist barbarisch. Dieses Urteil fällt zumindest Hermine Granger im ersten Teil der Harry-Potter-Reihe, als sich ihre beiden Freunde Ron und Harry eine Partie des beliebten Brettspiels liefern. Schach? Barbarisch? Nun, während in unserer Welt dieser strategische Sport höchstens barbarische Kopfschmerzen bereitet, wird die Zauberversion in Rowlings Universum dieser Beschreibung durchaus gerecht.

Sechs verschiedene Arten von Figuren, die unterschiedliche Stärken und Funktionen besitzen; zig Möglichkeiten, einen Spielzug zu eröffnen; unzählige taktische Optionen. Schach ist ein strategisches Brettspiel, das zu den wohl geistreichsten, aber auch anspruchsvollsten Spielen aller Zeiten zählt. Offiziell handelt es sich bei dem Klassiker um eine Sportart und wer schon einmal eine Partie absolviert hat, weiß wie (geistig) anstrengend Schach sein kann.

Abwechselnd müssen die zwei Kontrahenten ihre Figuren auf dem quadratisch karierten Feld bewegen, mit dem Ziel, den Gegner schachmatt zu setzen. Diese gewinnbringende Situation wird erreicht, wenn der König des Gegenübers keine Möglichkeit mehr hat, den Angriffsstellungen der eigenen Figuren auszuweichen oder diese (auch mithilfe anderer Figuren) zu kontern.

Ein legendäres Spiel

Kaum ein anderes Spiel hat eine längere Geschichte aufzuweisen als das aus König, Dame, Türmen, Läufern, Springern und Bauern bestehende Brettspiel. Entstanden sind die Vorläufer der modernen Sportart wohl in Nordindien, jedoch hatten auch persische und chinesische Spiele ähnlichen Charakters einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Schachs. Der heute im deutschen Sprachraum geläufige Begriff geht auf das persische Wort für König, Schah, zurück. Der exakte Zeitraum der Entstehung kann nicht genau datiert werden, jedoch wird er zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert verortet. Viele Sagen und Mythen ranken sich um die Anfänge des Spiels, am bekanntesten ist wohl die Weizenkornlegende.

Schachpartie (Illustration von Ludwig Deutsch)

Die aus arabischen Quellen entspringende Geschichte besagt, dass ein brahmanischer Weiser namens Sissa das Schachspiel zur Belehrung seines Königs Shihram erfunden habe. Dieser herrschte despotisch und autoritär über Indien, unterdrückte das Volk und stürzte sein Land ins Verderben. Um ihm seine Tyrannei und Verfehlungen aufzuzeigen, erfand Sissa ein Spiel, bei dem der König zwar die spielentscheidende Figur war, ohne die Hilfe anderer Figuren, wie zum Beispiel Bauern, allerdings nichts ausrichten konnte. Sein Plan erwies sich als erfolgreich, denn fortan ließ der König mehr Milde walten und veranlasste die Verbreitung des Spiels unter den Menschen seines Landes.

Als Dank für die wichtige Lektion Sissas gewährte der König ihm einen Wunsch. Dieser fiel auf den ersten Blick äußerst bescheiden aus. Der Brahmane wollte lediglich, dass Shihram auf das erste Feld des Schachbretts ein Weizenkorn legt, auf das zweite Feld die doppelte Anzahl – zwei Weizenkörner – auf das dritte vier Weizenkörner und so weiter. Der König lachte über diesen in seinen Augen ärmlichen Wunsch und akzeptierte ihn. Doch das Lachen erstarb einige Tage später, nachdem die Berater des Königs ihm die Dimensionen aufzeigten. Nicht einmal ansatzweise waren sie in der Lage, die Anzahl der Körner zu zählen, geschweige denn zu beschaffen. Die Zahl der Weizenkörner, die auf die 64 Felder gelegt werden sollten, überstieg schlussendlich nicht nur die Weizenvorräte des gesamten Reiches und ganz Indiens, sondern auch die menschliche Vorstellungskraft: 18.446.744.073.709.551.615 (über 18 Trillionen) Körner waren die geforderte Menge Sissas. Dies entspricht dem Tausendfachen der jährlichen weltweiten Weizenernte in heutiger Zeit. Diese Legende legte letztendlich den Grundstein für die weltweite Popularität des Schachs.

Nach Europa gelangte das Spiel vermutlich erst zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert, zunächst über Konstantinopel durch die Waräger nach Russland, später über die Mauren nach Spanien. Im Hochmittelalter war Schach äußerst populär und zählte zu den sieben ritterlichen Tugenden. Die Regeln des Spiels änderten sich dabei im Laufe der Zeit massiv, zuletzt kam es im 15. Jahrhundert zu weitreichenden Reformen, unter denen Schach zu dem Spiel wurde, wie wir es heute kennen.

Die magisch-brutale Variante bei Harry Potter

Was unterscheidet nun das Zauberschach in der fiktiven Welt von J. K. Rowling vom realen Strategieklassiker und wieso betitelt es Hermine als barbarisch? Die Regeln sind gleich, das karierte Spielbrett ist gleich, die Figuren sind gleich. Nun, nicht ganz. Zwar wird in der Welt von Harry Potter auch mit den bekannten Bauern, einem König, einer Dame sowie je zwei Läufern, Springern und Türmen gespielt, jedoch sind die Figuren lebendig.

Dies bedeutet in erster Linie, dass sich diese von selbst bewegen. Ein Spieler muss lediglich die Anweisung geben, beispielsweise, dass sich der Springer nach E3 begeben soll. Danach führt die Figur den Zug aus. Allerdings interagieren König, Dame und co. mitunter auch mit der spielenden Person, indem sie Hinweise oder Ratschläge geben. Vertraut eine Figur dem Spieler, zeigt sie sich hilfsbereit und kooperativ; ist sie jedoch nicht wirklich von den Fähigkeiten überzeugt, kann sie auch schlechte Tipps geben oder die Anweisung gar verweigern.

Zum Einen müssen demnach Magier und Hexen, die Zauberschach spielen, geübt sein. Nur dann ergeben die Hinweise der Figuren auch Sinn. Für Laien wirken die Ratschläge mitunter widersprüchlich, auch weil es die Figuren in solchen Momenten gern darauf ankommen lassen und Anfänger bewusst verwirren. Zum Anderen sollte sich ein Spieler auch das Vertrauen und die Disziplin seiner Figuren erarbeiten. Schließlich bewegen sie sich eigenhändig und befolgen das Kommando des Spielers aus Loyalität oder Überzeugung; oder eben nur mit bissigen Kommentaren, falls die Chemie zwischen den Parteien nicht stimmt. Taktisches Denken, Überredungskünste und Willenskraft sollten also zum Repertoire eines jeden Zauberschachspielers gehören.

Der militärisch-strategische Aspekt des Schachs wird jedoch nicht nur in dieser an Kriegstruppenbewegungen erinnernden Facette deutlich. Vielmehr ist es die angesprochene barbarische Komponente, die das Zauberschach von seinem realen Pendant unterscheidet. Wenn demnach eine Partie voll im Gange ist und die Figuren gegenüber ihrem Spieler loyal sind, entstehen buchstäbliche Schlachten. Im Eifer des Gefechts führen die kleinen Soldaten ihre Züge auf brutale Art und Weise aus. Sind sie in der Situation, eine gegnerische Figur zu schlagen, dann wird diese im Normalfall verprügelt, erstochen oder zertrümmert. Der harmlose Denksport mutiert so zum barbarischen Kriegsspiel.

Ron Weasleys tapferster Moment

In der Buch- und Filmreihe um den jungen Harry Potter spielt Zauberschach vor allem im ersten Teil eine prominente Rolle. Zunächst erfahren wir, dass Harrys bester Freund Ron ein ausgezeichneter Spieler ist. Seine Figuren, die ursprünglich seinem Großvater gehörten, sind diszipliniert und vertrauen Ron blind. Harry und Hermine versuchten einige Male, Ron zu besiegen, sahen jedoch kein Land gegen den hervorragenden Strategen und seinen eingeschworenen Figuren.

Rons Vorliebe für das Spiel und seine enorme Stärke waren letztendlich ein wichtiger Baustein für das Auffinden des Steins der Weisen im gleichnamigen Band. Um den magischen Gegenstand im Hogwarts-Schloss vor Eindringlingen und Dieben zu schützen, tüftelten die Lehrkräfte der Schule einige Fallen und Hindernisse aus. Minerva McGonagall platzierte vor dem Versteck des Steins ein gigantisches Zauberschachbrett, durch welches man sichspielen musste, um weiterzukommen. Als Harry, Ron und Hermine auf der Suche nach dem Stein zu diesem Spielfeld kamen, ergriff Ron die Initiative und manövrierte die drei Helden als selbstbewusster Anführer mit einer grandiosen Partie durch diese schwierige Situation. Er gewann das Spiel, auch wenn er seine eigene Figur dabei opfern musste (und dadurch einige Verletzungen davon trug).

Zauberschach bietet also nicht nur einen dynamischen Zeitvertreib zwischen taktischem Strategiespiel und kriegerischer Mordlust, sondern auch einen wegweisenden und inspirierenden Moment für den Charakter des allseits beliebten Ron Weasley. Ohne dessen atemberaubende Schachfähigkeiten hätte Harry Potter wohl gleich sein erstes Abenteuer gehörig vermasselt.

Julia ist die Ambivalenz auf zwei Beinen. Sie lebt einerseits mit Dinosauriern und Shakespeare in der Vergangenheit, ihr (seit drei Jahren) fast vollendeter Debüt-Roman spielt jedoch in der Zukunft. Sie wollte eigentlich etwas "Sicheres" studieren und ist jetzt blöderweise im Journalismus gelandet. Dort ist sie ganz nebenbei Mate-abhängig geworden und mit ihrer Tastatur verwachsen.

Christopher stammt von den Hängen des Erzgebirges, suchte jedoch beizeiten das Abenteuer in der großen Stadt. Seit Kindertagen interessiert er sich für die Länder, Kulturen und Sprachen dieser und anderer Welten. Heraus kamen ein Ethnologie-Studium in Leipzig, die Begeisterung für Tolkiens Werke und ein Plüsch-Chewbacca auf der Couch.

Quelle
Rowling, J. K. (1997): Harry Potter und der Stein der WeisenColumbus, Chris (2001): Harry Potter und der Stein der WeisenSchachmattChesspoint

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